Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

CHANSON

Ankommen in

Filzpantoffeln

Mitte vierzig ist für Diseusen kein leichtes Alter. Die Geschichten über durchfickte Nächte werden schal, den Hunger nach Leben nimmt einem langsam keiner mehr ab. Höchste Zeit, die Welt bei Tageslicht zu betrachten – nur ist das nicht so einfach bei schummriger Barbeleuchtung. Auch Georgette Dee , Deutschlands bekannteste Chansonniere, hat ihre Midlife-Crisis durchgemacht, sich von ihrem Klavierbegleiter Terry Truck getrennt und ist mit Unterstützung einer Handvoll Jazzmusiker auf die Suche nach dem Sinn des Lebens gegangen. Ihr neues Programm Zu jeder Zeit. Ankommen im Tipi (bis 1.Oktober) scheint anzukündigen, dass sie ihn auch gefunden hat.

Georgette trägt Filzpantoffeln unterm Plüschfummel, singt vom Frühlingswind, wiegt sich in Wohlfühlrhythmen. Gibt sich entspannt im Hier und Jetzt und hat auch ihre Chansons entgiftet. Leider, denn ohne die Bitterstoffe von Trotz, Sarkasmus und Bösartigkeit werden die großen Gefühle klebrig, bekommt die Bilderwelt von goldenen Blumen und kirschroten Lippen Schlagseite zur Poesiealbums-Lyrik. Dee versucht in ihren Conferencen gegenzusteuern, mimt die Verruchte, erzählt schlüpfrige Witzchen statt geschliffener Gemeinheiten, protzt mit Sexorgien. Ziemlich peinlich. Angekommen ist sie noch lange nicht. Sondern gerade erst losgegangen.

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KUNST

Abheben in

Himmelslüfte

Was ist uns der Mond? Das beantwortet jeder anders. Als Herr der Gezeiten wird er angesehen, als Gestirn der weisen Frauen. Rebecca Horn hat einen Mondspiegel geschaffen, in dem alle Vorstellungen Platz finden. Dazu nimmt ihre Installation den neoromanischen Sakralraum der St. Johannes-Evangelist-Kirche auf (Auguststr. 90, bis 10.Oktober. Di–So 11-19 Uhr). Ein säulenartiges Konstrukt beherrscht die Kirchenhalle. Kreisrunde Spiegelflächen zaubern in den Boden einen Brunnen, in dem die Betrachter sich selber sehen. Das Bild der winzigen Gestalten um den Brunnenrand erfasst auch die Mondscheibe, die in der Tiefe zu flimmern scheint. Obwohl dieser Lichtkreis als Projektion an der Decke leuchtet. Man fragt sich: Was ist oben, was unten? Doch das spielt keine Rolle, wo sich die Kunst ins Kosmische erweitert.

Hinzu tritt die musikalische Dimension, die den „Mondspiegel“ in die Berliner Festspiele eingliedert. Der Neuseeländer Hayden Chisholm hat sich zum meditativen Geflecht mit Streichern, Holzbläsern und Mondscheinsopran inspirieren lassen. Als Tonkonserve begleitet das Stück die Ausstellung (noch einmal live am 25. September, 20 Uhr). Zuviel des Guten. Ein Soundtrack zur Kunst, dazu Räucherstäbchen und Tannenzweige am Boden: Man wähnt sich im Esoterik-Gewerbe. Die Frau im Mond hat diesen Abstieg nicht verdient. Jens Hinrichsen

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