Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Im Herzen

der Nacht

„Mamas“ nennt der brasilianische Choreograf Ismael Ivo seine Hauptdarstellerinnen. Mae Beata, Teresa Santos und Othella Dallas sind über 70, also im Großmutter-Alter. Aber sie sind super mamas. Die Candomblé-Priesterin, die politische Aktivistin und Schauspielerin, die Tänzerin und Sängerin wurden bei der Premiere von Olhos d‘Agua im Haus der Kulturen der Welt mit standing ovations gefeiert. Mit dem Stück wurde das Festival Black Atlantic eröffnet – und die weibliche Trias verkörpert all das, wofür dieser Begriff steht. Sie bilden ein Dreigestirn aus Wissen und Widerstand.

Ihre Erzählung lässt Mae Beata weit vor ihrer Geburt beginnen. Sie erzählt von den Urgroßeltern, die auf einem Sklavenschiff den Atlantik überquerten, von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohrplantagen in Bahia, von dem Vater, der zum Zuchthengst bestimmt wurde. Und sie erzählt, wie sie sich als Kind nichts sehnlicher wünschte als einmal Engel zu sein bei der Mai-Prozession. Bis die Lehrerin erklärte: Engel sind weiß und haben blaue Augen. Mae Beata lässt die Wörter tanzen, wippt im weißen Rüschenkleid. Ivo mit seinem Blumenstrauß umkreist sie wie ein Bräutigam. Nun ist „Olhos d’Agua“ auch ein Tanzstück. Ivo bietet wunderbare Tänzer auf, doch die Choreografie ist ein assoziatives Wogen. Tanz und Erzählung graben sich hier das Wasser ab. Denn am liebsten möchte man sich zu Füßen der Mamas hocken und ihnen einfach zuhören. (Vorstellungen vom 21. bis 24. September, 20. 30 Uhr)

ARCHITEKTUR

Im Bauch

des Wals

Der Ort ist ebenso ungewöhnlich wie passend zum Thema: das Foyer des Kammermusiksaals ist Schauplatz der Ausstellung „Organische Architektur“ (bis 8. Dezember, täglich 10 bis 18 Uhr). Doch was ist eigentlich organische Architektur? Machen bereits expressiv geschwungene Formen aus einem normalen Haus ein Organisches? Hilfreich ist die Definition, die Frank Lloyd Wright 1914 lieferte: „Unter organischer Architektur verstehe ich eine Architektur, die sich von innen nach außen entwickelt.“ Und so stellt die Schau mit Modellen und Farbbildern auf farbig lasierten Holztafeln Bauten von Louis Sullivan, Antonio Gaudi und Alvar Aalto vor. Natürlich fehlen auch die deutschen Vertreter Hans Scharoun, Hugo Häring und Erich Mendelsohn nicht. Allerdings mangelt es an Tiefenschärfe, und auch der Blick auf die „zweite Reihe“ mit Architekten wie Adolf Rading unterbleibt.

Eine weitere Sektion hat Kurator Pieter van der Ree organischen Bauten der letzten 20 Jahre gewidmet, gegliedert nach nationalen Strömungen. Zwischen anthroposophischen Beispielen finden sich auch Bauten aus dem ästhetischen Öko-Horror-Kabinett, ganz so, als wäre nicht längst bewiesen, dass man im Einklang mit Natur und Region bauen kann und dennoch anspruchsvoll. Sehenswert ist dagegen die erdbebensichere Beton-Pilz-Konstruktion eines Wohnhauses in Palm Springs. Und Javier Aguilar lässte die Bewohner seiner ironisch walförmigen „Casa Organica“ in Mexiko Stadt behütet hausen wie weiland Jonas im Bauch des Wals. Jürgen Tietz

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