Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Aristokrat

und Arbeiter

Glanz und Elend der Berliner Orchester: Am Sonntag noch frenetischer Jubel und eine ausverkaufte Philharmonie für Debussys „La mer“ mit Rattle und den Philharmonikern, tags drauf das gleiche Stück in einer kaum viertelvollen Deutschen Oper . Seit Jahren kämpft das Orchester des Opernhauses darum, auch auf dem Konzertpodium wahrgenommen zu werden, doch im Gegensatz zur Staatskapelle will ihnen das einfach nicht gelingen. Auch für ihr französisches Programm, das auf die nächste Premiere, Debussys „Pelléas“ einstimmen soll, interessiert sich nur eine Handvoll treuer Fans, der Rest des Publikums besteht aus ein paar zischelnden Schulklassen.

Doch die Musiker kämpfen, werfen sich unter der unerbittlichen Leitung von Jun Märkl mit dem Mut der Verzweiflung auf diese Musik, die eigentlich zu schwer für sie ist. Mit der kunstvoll abschattierten Klangkultur der Philharmoniker können sie natürlich nicht mithalten, gegen Rattles impressionistische Delikatesse haben sie nur grelle, fast expressionistische Grundfarben parat. Und erzielen damit doch überraschend stimmige Ergebnisse: Messiaens Klavierkonzert „Oiseaux exotiques“ zum Beispiel klingt gar nicht nach abgehobener Esoterik, sondern tatsächlich nach dem quicklebendigen Durcheinander eines Papageienkäfigs, „La mer“ lässt sich eindeutig im sturmumtosten Nordatlantik verorten und die herrlich quäkigen Bläsereinsätze im Kopfsatz von Ravels Klavierkonzert erinnern daran, dass ja tatsächlich die Roaring Twenties mit Jazz, Autohupen und Großstadtlärm durch das Stück hallen. Das macht Spaß, zumal der Brite Peter Donohoe am Klavier für das nötige Gegengewicht sorgt und den Mittelsatz mit einer unaufdringlichen Noblesse und leuchtendem Anschlag gestaltet. Ein Aristokrat, den es irgendwie zu dieser hemdsärmeligen Berliner Truppe verschlagen hat.

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ARCHITEKTUR

Ornament

und Material

Der Wiener Architekt Rüdiger Lainer entwirft eigentlich ganz ordentliche Häuser, Kinozentren – zum Beispiel bei den berühmten Gasometern – in moderner Kubatur, eine Fabrikaufstockung, Wohn- und Geschäftshäuser, die nicht weiter auffallen (würden), doch dann wirft er seinen Adolf Loos – „Ornament und Verbrechen“ – in die Ecke und zeichnet Ornamente, die den Gebäuden eine atmosphärisch aufgeladene Schicht überwerfen. Das können dann eine Gitterstruktur aus Aluminiumguss in vegetabilen Formen sein, die das terrassierte Gebäude mit den Weinbergen verbindet, oder vor- und rückspringende Fassadenbausteine mit im noch weichen Zustand „beboxter“ Betonoberfläche oder gar ein Geflecht aus transparenten Schläuchen, das im Winter als Sonnenkollektor, im Sommer durch das algenbildende Wasser als Sonnenschutz wirken soll. Die Ausstellung seiner Arbeiten, „Ornament und Tiefe der Oberfläche“ in der Galerie Aedes East (Hackesche Höfe, bis 14. Oktober), zeigt zu den Projekten auch die Materialproben. Dort ist die Funktion der Ornamentschichten als „Mediator zwischen Nutzer und Objekt“ und deren Entsprechung als Bedeutungsträger zu erleben. Falk Jaeger

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