Kultur : KURZ & KRITISCH

Uwe Friedrich

OPER

Das Orchester

ist der Star

Wenn ein Kapellmeister auswendig dirigiert, gilt für die Opernsänger höchste Alarmstufe: Vom Pult ist wenig Hilfe zu erwarten. Der wild gestikulierende Nicholas Michalakis gibt keinen einzigen Einsatz, die Hauptarbeit bei der konzertanten Elektra -Aufführung in der Philharmonie überlässt er den ersten Pulten der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz. Die sorgen allerdings dafür, dass der Grieche mit seinen überdimensionierten Schwimmbewegungen nicht untergeht. Schließlich folgt er dem Orchester, und die 120 Musiker können zeigen, wie viel barbarische Kraft in den Opfermärschen und Jubeltänzen steckt. Die sächsische Klangtradition sorgt auch in den lautesten Ausbrüchen noch für seidigen Schönklang und transportiert gruselige Atmosphäre in den leise drohenden Szenen. Dieses Gastspiel beweist, dass sich selbst für nörgelige Hauptstädter die Reise nach Chemnitz lohnt. Allerdings werden die Sängerinnen in diesem Konzert zu obligaten Stimmen in einer überwältigenden Symphonie degradiert. Ob die klug disponierende Eva Johansson sich als Elektra nicht doch über ihren stimmlichen Möglichkeiten versucht, ist da schwer zu sagen. Einzig Hanna Schwarz erhebt sich als verzweifelte Mutter ebenso stolz wie mühelos über das Orchester, während sich Nancy Gustafson (Chrysothemis) und Wolfgang Schöne (Orest) auf die Dauer geschlagen geben.

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FILM

Eine Frau

sucht ihren Weg

Dublin einmal anders: nicht als Schauplatz eines Politthrillers oder Sozialdramas, sondern als Hintergrund für eine Beziehungskomödie, wie sie ebensogut in Berlin spielen könnte. Zwischen amourösen Gesprächen schwenkt die Kamera immer wieder auf ein Aquarium und beobachtet die Goldfische beim Tänzeln. Die Überdosis Niedlichkeit, die damit verbunden sein könnte, bleibt dann gottseidank aus. Autorin und Regisseurin Liz Gill hat die Figuren in Goldfish Memory mit unangenehmen Wesenszügen ausgestattet: TV-Journalistin Angie verführt die brave Studentin Clara, aber schon bald ist es Clara, die die Lesbenszene Dublins erforscht, während Angie zu Hause auf sie wartet. Bevor sie ihre lesbische Ader entdeckt, ist Clara mit dem Literaturprofessor Tom zusammen. Der geht aus Prinzip nur Affären mit Frauen unter 30 ein, die gut Deutsch können. Denn nichts macht ihn mehr an als ins Ohr geflüsterte Rilke-Verse. Tom scheint der einzige Heterosexuelle in Dublin zu sein. Alle anderen Männer sind nette Schwule. Aus der Darstellerriege ragen Doppelgängerinnen von Gwyneth Paltrow und Nicole Kidman heraus. Die Originale müssen sich in Acht nehmen (in Berlin OmU im Xenon). Frank Noack

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ARCHITEKTUR

Vom Klassizismus

der NS-Bauten

Die Bautätigkeit des NS-Regimes in Berlin blieb wegen des Krieges weit hinter den größenwahnsinnigen Planungen zurück. In der Reichshauptstadt kamen allerdings einige beispielhafte Vorhaben zur Ausführung. Reichsbank und Reichsluftfahrtministerium haben durch die Umnutzung als Sitz des Außen- und des Finanzministeriums neuerlich Beachtung gefunden. Unbeachtet ist hingegen der Großteil der NS-Bautätigkeit. Das war dem Landesdenkmalamt Anlass, den Kunsthistoriker Matthias Donath mit der Bearbeitung dieses historischen Erbes zu betrauen. Jetzt liegt sein ganz vorzüglich geratener Stadtführer Architektur in Berlin 1933 – 1945 vor, der über 80 Objekte, nach den Bezirken Berlins geordnet, ausführlich vorstellt (Lukas Verlag, Berlin 2004, 255 S., 350 Abb., 29,80 €).

Der neutrale Buchtitel ist angebracht, da auch Nicht-Nazi-Bauten Berücksichtigung finden, wie etwa die Ernst-Moritz-Arndt-Kirche in Nikolassee. Dass anfangs durchaus noch im Sinne des „Neuen Bauens“ entworfen werden konnte, belegt etwa die heutige Ausländerbehörde in Tiergarten (1937/38) von Egon Eiermann. Doch dominieren natürlich die großen Komplexe in Mitte oder am Fehrbelliner Platz. Gerade in Wilmersdorf wird deutlich, dass sich die NS-Baukunst auf einen dünnen Akademie-Klassizismus stützte, der in ganz Europa heimisch war. Bernhard Schulz

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