Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

FESTIVAL

Dichterliebe, dichter Wahn

Kaum zu glauben: Die schwindsüchtige Heldin ist kein veraltetes Opernmodell, sondern eine die Künstlerfantasie des 21. Jahrhunderts provozierende Figur! Wenn Durs Grünbein und der 29-jährige Komponist Johannes Maria Staud ihre „Berenice“ -Oper (nach einer Novelle von Poe) nach der Uraufführung bei der Münchener Biennale (Tsp. vom 15.5.) und der Präsentation der Wiener Festwochen nun im Haus der (koproduzierenden) Berliner Festspiele zeigen, tritt ein erstaunlicher Anachronismus zutage. Romantische Sehnsucht nach blonder, Zähne bleckender, glockenhelle Spitzentöne absondernder Hysterikerin (Dorothee Mields) in Kombination mit Inzest- und Doppelgängermotiv (der Bariton Otto Katzameier und Schauspieler Matthias Bundschuh teilen sich den Egäus-Part) steht in Berlin sonst kaum auf der Tagesordnung. Trotzig beharrt „Berenice“ auf dem Recht der Kunst, sich um die Zeitläufte nicht scheren zu müssen. Wenn’s bloß nicht so geschwätzig wäre: Sehr viel Text wird akkompagniert von Elektronischem, leibhaftigen Neutönern (dem Klangforum Wien unter Stefan Asbury), griechischem Geisterchor, bisschen Vamp und Musicalsound samt Videoprojektionen auf den Jalousien von Claus Guths Siebzigerjahre-Bungalow. Charme entwickelt die morbide Melange aus Gruselarabeske und Horrormovie nur in den Momenten der Selbstironie. Kokett! (wieder heute, 20 Uhr)

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LITERATURFESTIVAL

Albtraum Vietnam

Die Stimmung im HAU 3 ist bedrückend. Der Platz, auf dem die Schriftstellerin Duong Thu Huong sitzen sollte, bleibt leer. Die vietnamesische Regierung verweigerte ihr die Ausreise. Seit 1994 besitzt sie keinen Pass mehr, bereits zwölf Jahre zuvor erhielt sie Publikationsverbot. Die 57-Jährige lebt wie eine Gefangene in den Grenzen ihres Landes. Dennoch gibt die ehemalige Aktivistin im Vietnam- und Indochinakrieg nicht auf, führt einen Kampf gegen Zensur und Unterdrückung und gegen das Schweigen der Intellektuellen in Vietnam. Für das Literaturfestival hat Thuong einen Essay mit dem Titel „Der Geist von Sarajewo“ verfasst, den Danja Antonovic an ihrer Stelle vorträgt: eine Auseinandersetzung mit Aufstieg und Fall verschiedener Terrorregimes: „Jeder Krieg ist anders, aber die Qualen der Menschen sind die gleichen.“ Für ihr einziges auf Deutsch erschienenes Buch „Roman ohne Namen“ (Unionsverlag) erhielt sie 1991 den französischen Prix Fémina und den UNESCO-Literaturpreis. In drastisch-realistischem Stil schildert Thuong den Albtraum des Vietnamkrieges aus der Perspektive des Soldaten Quan. Katharina Wagner

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KLASSIK

Generationen im Konflikt

40 Jahre kennt Bernard Haitink die Berliner Philharmoniker, aber kennt er sie wirklich noch? Der Auftritt des 75-Jährigen ist wie das Wiedersehen zweier alter Freunde, von denen sich einer völlig verändert hat: Von den Gemeinsamkeiten ist kaum noch etwas übrig. Das Ergebnis ist eine Dritte Mahler voller Missverständniss: In der Philharmonie versucht Haitink, den satten spätromantischen Sound der Karajan-Zeit zu beschwören, doch statt orgelregisterartig klarer Holzbläserstimmen wehen nur laue Lüftchen, den Streichergruppen gelingt der aufblühende Erlebnisklang nicht mehr. Ein Generationenkonflikt: Mit den neuen Fähigkeiten der Rattle-Philharmoniker, ihrem solistischen Ausdruckswillen, ihrer kammermusikalischen Dialogbereitschaft kann Haitink nichts anfangen. Zu sehr ist seine Mahler-Sicht auf Kollektivgeist festgelegt. Hatte Abbado in der Dritten ein Weltschmerz-Panorama ausgebreitet, Nagano eine gleißende Fortschrittsapotheose formuliert und Michael Gielen die Entwicklung von heidnischer Triebhaftigkeit zur Erlösung durch Liebe nachgezeichnet, erlebt Haitink Mahler als in sich ruhendes Universum. Ist dieser Klang weg, bleibt nur noch die Erinnerung. (wieder heute, 20 Uhr) Jörg Königsdorf

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