Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Plath

LITERATURFESTIVAL

Ein Geck

im weißen Leinenanzug

Nimm Platz, Besucher, und harre der „Schluchzer der Hoffnung“, so der Romantitel des Senegalesen Hamidou Dia . Vielleicht lässt sich mit ihnen den reichlich vorhandenen Zudringlichkeiten standhalten. Links von dir, in drei Meter Entfernung hinter einer Glasscheibe, eine kleine Bronze-Armee: Tina Schwichtenbergs hüfthohe nackte Männer- und Frauengestalten. Rechts Sam Shaws Fotografien einer pummeligen Marilyn Monroe. Darüber der so genannte InvestorenCanyon: ein dem Kapitalverwertungsdruck abgerungener, vier Stockwerke hoher und sieben Meter breiter Lichthof. Im Berliner Café Einstein Unter den Linden befragt derweil Alain Jadot, ständig selbstverliebt glucksend, Hamidou Dia: Wann geboren? Muttersprache? Vatersprache? Wie schreiben Sie? Inspiration oder Transpiration? Jadots Freunde in der ersten Reihe belachen alles, ein Geck im weißen Leinenanzug plustert sich, der 51-jährige Dia bleibt gefasst. Drei Muttersprachen hat er, was die Metaphern vervielfache. „Was müsste passieren, damit Sie aufhören zu schreiben?“ Dia antwortet seriös mit Rilke. Immer noch 10 Minuten. „Worüber sprechen wir? Über die Liebe?“ Dia erzählt von ihr. „Und nun? Das Geld?“ Dann doch lieber die Lesung mit Katleen Gallego Zapata: ein schwarzer Emigrant zwischen einer Französin, einer Senegalesin und der Revolution. Eine Schmonzette. Viele Schluchzer. Aber hoffnungslos.

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KLASSIK

Und sie marschierten

auf Waterloo

Für seine Konzertprogramme hat Steven Sloane Auszeichnungen erhalten. Aber ob er wirklich gut daran tut, auf Wagners Tristan-Vorspiel Samuel Barbers Violinkonzert folgen zu lassen? Zumal mit einem Solisten wie David Grimal, dem man eine gewisse Kühle nachsagt? Was im Konzerthaus mit ersten Sympathiewallungen zwischen Berliner Sinfonie-Orchester und dem amerikanischen Gastdirigenten begonnen hat, droht bei Barber zu einer eher pragmatischen als prickelnden menage à trois zu werden. Intensiver geraten die Berührungen im Mittelsatz, doch die Ansicht, dass bei Barber auch Schmalz zur Substanz gehören kann, teilen Grimal und Sloane hörbar nicht. Im Finale, bei dem sich Grimal durchaus eindrucksvoll in manische Dauerfigurationen einspinnt, beginnen sich die Wege sogar zu trennen, bis der wieder zum glücklichen Single gewordene Grimal in zwei ausgedehnten Zugaben (unter anderem dem Satz aus einer Bach-Solosuite) dem Publikum seine Visitenkarte übergibt. Wer es schon immer etwas seltsam fand, dass Beethovens Siebente Sinfonie zusammen mit seinem heute verpönten Schlachtengemälde „Wellingtons Sieg“ uraufgeführt wurde, hat nach der Pause sein Aha-Erlebnis. Grimmige Lust und eiskalter Prunk statt inneren Ringens schon im ersten Satz. Im Finale aber knallen die Saiten der Celli auf die Griffbretter wie marschierende Stiefel auf das Pflaster. Und noch ins Piano donnert, von fern und ganz unmissverständlich realistisch nachgeahmt, das Gebrüll retirierender Geschütze. Eine begeisternd schlüssige Lesart, die Beethoven und die Hörer kalt bei ihren militaristischen Gefühlen erwischt. Unsympathisch – aber es musste mal gesagt werden. Carsten Niemann

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AUSSTELLUNG

Völler wird

zum Popstar

Fußball interessiert die Massen, Kunst meistens nicht. Weshalb auch nicht Tausende in die Otto-Nagel-Galerie strömen werden, um sich Werke von jungen Künstlern anzuschauen, die sich unter dem Titel „Coup de tête“ dem Fußball nähern. Schade ist das. Fotograf Mirko Zander stellt seine Serie „Banking“ vor: drei großformatige Bilder von Fankurven im Stadion, die er kurz vor dem Spiel aufgenommen hat. In den Gesichtern der Menschen sieht man keine erhitzte Leidenschaft, keine Erregung. Sie wirken in Erwartung auf das Spiel fast wie erstarrt. Gelungen fängt Zander den „toten Moment“ ein, kurz bevor die Akteure auf den Platz laufen. Eine Pop-Art-Hommage an Rudi Völler hat Olivier Cablat aus Marseille entworfen. Schwarze Vinyl-Schallplatten hinter Glas, die aus bunten Plattencovern hervorschauen als würden sie herausfallen. Auf den Covern sieht der Betrachter Völler in Aktion, ein weißer Schriftzug verkündet den imaginären Bandnamen „Rudi Power“. Cablat macht den ehemaligen Spieler von Olympic Marseille zum Popstar. Auch hervorragend: die Videoinstallation „Les 18 centièmes du temps“ von Simon Scanner, dem es um die Dekonstruktion der Zeit und des Gewohnten geht. In der ersten Sequenz des Films hat er verschiedene Kopfball-Szenen zweier Mannschaften so aneinander geschnitten, dass das Spiel nur noch durch Kopfbälle bestritten wird. In der zweiten Sequenz sind abwechselnd zwei Torwarte zu sehen. Ihre Bewegungen hat Scanner verzerrt und mit Slow-Motion-Effekten verfremdet. So wird Fußball zum Lustspiel. Ramon Mirfendereski

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