Kultur : KURZ & KRITISCH

Katharina Wagner

LITERATURFESTIVAL BERLIN

Die Liebe in

der Schaffenskrise

Ein Mann sitzt rauchend am Klavier, rauft sich die Haare, haut auf die Tasten, springt auf, Notenblätter wirbeln auf. Hektisch verlässt er das Haus, rennt mit wehendem Mantel ziellos durch den Wald. „Ich bin für nichts geschaffen“, ruft er. Aha, ein Komponist in der Schaffenskrise. Ein Künstler, wie er typischer nicht sein könnte: langes, strähniges Haar, schwarze Kleidung, er leidet unter dem typischen Künstlerproblem: fehlende Inspiration. Die erste Szene des slowakischen Films „Autumm (yet) strong love“ von Zita Furková, der in der Reihe „Literatur auf Celluloid“ im Filmkunsthaus Babylon erstmalig in Deutschland gezeigt wurde, ist kennzeichnend für den gesamten Film. Ein Klischee bedient das nächste, die Handlung entfaltet sich so unmotiviert wie oberflächlich. Der Komponist verliebt sich in eine Dichterin. Sie ist jung und schön, raucht und trinkt zu viel. Er ist verliebt, seine Kreativität kehrt zurück. Sie verschwindet, er ist verzweifelt. Sie taucht wieder auf. Die Geschichte plätschert vor sich hin. Zwischen Liebesschwüren, Zweifeln, Eifersucht, Trennung und Versöhnung hin- und her gerissen, bedrohen sie sich gegenseitig mit einer Pistole und schlafen dann miteinander. Am Ende ein verhinderter Selbstmord, ein erfolgreicher Komponist und eine verlorene Liebe. Wie es dazu kommen konnte, weiß niemand. Heute läuft in der Film-Literaturreihe „Mindshadows“ (Kanada), am Donnerstag „A Breach in the Wall“ aus Schweden, nach dem Roman von Lars Gustafsson.

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KLASSIK

Der Dreisprung

der Gefühle

Eigentlich kann ein Liederabend gar nicht intim genug sein. Die Flügel des Gesanges sind zarte Schwingen. Mit einer neuen, strahlend besetzten Reihe (Banse, Kozena, Goerne, Bostridge) wollen die Berliner Philharmoniker das Lied im Kammermusiksaal heimisch machen. Doch was nützen diese Stars, wenn die Hälfte des Publikums die Sänger bestenfalls im Profil sehen und hören können? Nein, eine Liederhalle ist der Kammermusiksaal nicht. Das musste auch Juliane Banse erfahren, die begleitet von Andras Schiff den Auftakt von „Lied x 4“ bestritt. Eine noble Verbindung, die zuletzt mit einer sensibel ausgeleuchteten CD überraschte, die Mozart mit Debussy paarte. Auch der Berliner Auftritt zielt bewusst auf stilistische Weite: Schumann, Debussy und Schubert. Ein Dreisprung mit Tücken. Der Schumann-Anlauf versucht mit großen Schritten den Raum zu durchmessen. Hart schlägt der musikalische Puls vom Klavier, das ganz aus Elfenbein zu bestehen scheint, drängt zu Dramatik. Mignon im Olympiastadion. Gold für Goethe. Abgeschlagen hingegen die Risse in der Seele. Banse fühlt zu wenig Resonanz des Raums auf ihre Mittellage, doch durch kräftige Dynamiksprünge beim Aufstieg in die Höhe wird ihr Vortrag nicht fesselnder. Im Gegenteil, ein funkelnder Stein purzelt aus seiner Fassung. Debussys Verlaine-Vertonungen liegen Banse und Schiff mehr, obwohl man sich immer noch weniger Aufwand wünscht, weniger Raffinement in der Begegnung mit dem Reich der lebenden Schatten. Die finale Schubert-Flugphase perpetuiert Ansichten eines Marmorbildnisses: schön, klar, ebenmäßig. Und leider auch ein bisschen blass. Ulrich Amling

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