Kultur : KURZ & KRITISCH

Steffen Richter

LITERATURFESTIVAL BERLIN

Zarte Verse,

bittere Bilder

Sieht so ein tschetschenischer Partisan aus? Kurze graue Haare, ein gepflegter Bart und Brille. Ja, so kann einer aussehen, der vor den russischen Truppen in die Berge geflüchtet ist und schlimme Blessuren überstanden hat – inklusive ausgefallener Zähne in Folge von Skorbut. Der Minister, Redakteur und Universitätsdozent war. Der Mann mit den vielen Berufen heißt Apti Bisultanov . Vor zwei Jahren ist er als Schriftsteller nach Berlin exiliert. Eigentlich will er nur über Poesie reden, wird aber ständig zu anderem gezwungen. Das Massaker von Beslan ist allgegenwärtig. Dann doch Lyrik: Seine Gedichte schreibt Bisultanov in traditionellen Metren oder freien Versen. Er liest sie mit fester, klarer Stimme. Die Zischlaute des Tschetschenischen klingen nach rauer Poesie. Und doch erzählen sie von Kindheit, Freundschaft oder Liebe. Geschöpft wird aus dem klassischen Bildreservoir vom Mond bis zum Habicht im Abendrot. Nur dass sich alles in dieser Welt auf „Krieg“ reimt. Gemeint sind die letzten 400 Jahre, in denen die Tschetschenen gegen ihre Besatzer aufbegehrten. „Chaibach“ heißt Bisultanovs zentraler Gedächtnisort und sein bekanntestes Poem. In diesem Bergdorf wurden 1944, als Stalin die Tschetschenen deportieren ließ, 700 Frauen und Kinder in einem Stall verbrannt. Ein Ort, den Bisultanov in die Nomenklatur der Gräueltaten des 20. Jahrhunderts eingeschrieben hat. Auch dies ein „ferner Osten“, von dem Europa nichts wissen will. So spricht der tschetschenische Dichter im noblen Café Einstein Unter den Linden von Chaibach. Und von den Fotos an der Wand schaut wie zum Hohn Marilyn Monroe als Ikone des Westens auf ihn herab.

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KUNST

Strenge Linien,

muntere Zahlen

Auch wenn sein Name das Gegenteil nahelegt, so ist der Minimalismus eine schillernde Erscheinung. Wo seine Wurzeln liegen, was genau damit gemeint ist, darüber sind sich Kritiker und Künstler bis heute uneins. Unter dem Titel Minimalism and after III unternimmt die Sammlung DaimlerChrysler momentan einen Versuch, die europäische Seite des gern als amerikanische Angelegenheit interpretierten Phänomens zu beleuchten (Alte Potsdamer Str. 5, bis 28.11.). 27 Künstler mit 60 Werken aus den letzten vier Jahrzehnten werden vorgestellt, ausschließlich Neuerwerbungen.

Hier wird die Minimal Art jedoch nicht wie so häufig als Stilrichtung der Sechzigerjahre betrachtet, sondern als kontinuierliche Entwicklung bis in die Gegenwart. In dieser Lesart ergibt sich eine Vielfalt, die verblüfft – in inhaltlicher wie formaler Hinsicht. Bei einigen Werken fällt es schwer, mehr als dekorative Arrangements zu erkennen, andere dagegen wirken eigensinnig und einfach-kompliziert, dass es eine Freude ist – etwa die konzentrischen Farbkreise des Dänen Poul Gernes, die munteren Holz- und Klebearbeiten des Schweizers Beat Zoderer oder Thomas Lochers durcheinander geratene Farb- und Zahlensysteme. Die Geometrie lebt – sie sieht nur manchmal komisch aus. Ulrich Clewing

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FILM

Kleine Freiheit,

große Lieder

Irgendwie paradox: Während die Musik des „Buena Vista Social Club“ weltweit boomt, ist sie auf Kuba nicht mal im Radio zu hören. Dort steht sie für eine längst verklungene Epoche. Die aktuelle Musikszene, die auf der Insel schon mal Baseballstadien füllt, ist über die Landesgrenzen hinaus kaum bekannt. Música Cubana (in sechs Berliner Kinos) rückt erstmals junge Musiker ins Blickfeld – ein überfälliges Korrektiv. Dabei sind Verbindungen zu „Buena Vista Social Club“ offenkundig: Regisseur Germán Kral ist ein Schüler von Wim Wenders , Jörg Widmer liefert erneut schöne Bilder von der Stadtkulisse Havannas, Wenders selbst zeichnet als ausführender Produzent.

Dennoch ist der Film keine Fortsetzung des Altherren-Mythos. Zwar liegt auch hier eine eher märchenhafte Story vor: Buena-Vista-Veteran Pío Leiva stellt mit Hilfe eines ehrgeizigen Taxifahrers eine junge All-Style-Band auf die Beine, die am Ende in Tokio triumphiert. Doch diesmal geben die Musiker vorher in Havanna ein Konzert – auf eine solche Feuerprobe hatten sich die „Club“-Mitglieder nie eingelassen. Die jungen Musiker sind auf Kuba regelrechte Stars: Mayito Rivera , Feliciano Arango oder die Chiki-Chaka Girls . Pío Leiva, der mit altersschwacher Gesangsstimme, aber stets glühender Zigarre die musikalische Tradition verkörpert, gibt das Bindeglied zur neuen Generation. Ein knorriger Baum, um dessen Stamm sich unterschiedliche Spielarten versammeln: Son und Songo, Timba oder HipHop. Und die Sehnsucht nach Freiheit. „Libertad y diversión“ fordert die Rapperin Telmary in ihrem Song: Freiheit und Vergnügen in einer Gesellschaft, die außer Telenovelas nicht viel davon zu bieten hat. Roman Rhode

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