Kultur : KURZ & KRITISCH

Katharina Wagner

POP (1)

Wenn wir

die Musik sind

„Look at this band“ konnte man auf ihrem T–Shirt lesen, als sie zum Mikro griff. Eine Aufforderung, die an diesem Abend im Zentralberlin überflüssig war. Denn die Musik von Jana Pallaske und „Spitting Off Tall Buildings“ ist ganz einfach Punkrock – laut, schnell und rebellisch. Noch bevor der erste Song zu Ende war, hatte sich die locker im Raum verstreute Menge in einen tanzenden, springenden und mitsingenden Pulk verwandelt. Und Jana mittendrin: Im 80er-Jahre- Style – das T-Shirt abgeschnitten, kurzer, zerfaserter Jeansrock, zerrissene, schwarze Leggins und Chucks – hüpft sie auf der Bühne, vor der Bühne und neben der Bühne umher, klettert auf Lautsprecherboxen, stolpert über ein Gitarrenkabel, der Mikrofonständer fällt um. Punk eben: „I will never loose it as long as there is music“ – dröhnend und kraftvoll singt, schreit und brüllt sie mit ihrer hellen Stimme die Songs von der ersten CD. Und da vorne stehen fünf Leute, die nicht nur Musik machen, sondern ihre Musik sind. Das überzeugt. Im Januar nehmen „Spitting Off Tall Buildings“ ihr erstes Album auf. Im Moment touren sie durch Deutschland und spielen am 29. Oktober wieder in Berlin. In Zukunft wird man noch oft auf diese Band schauen.

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KUNST

Wenn Ärzte

Bilder sammeln

Wenn Ernst Ludwig Kirchner in den Dreißigerjahren an seinen Arzt Frédéric Bauer schrieb, dann nahezu stets, um ein weiteres Rezept für „Eukodal“ zu erhalten, ein Morphiumsubstitut, von dem er ebenso abhängig war wie zuvor von Morphium selbst. „Würden Sie mir wohl noch ein R für etwa 20 Ampullen E geben“, schrieb der seit 1917 bei Davos lebende Künstler im Mai 1938: „Ich hoffe, dann damit fertig zu sein. Ich bin dann alles los, was an solchen Sachen an mir hing.“ Die Hoffnung trog. Am 15. Juli 1938 nahm sich der verzweifelte Kirchner das Leben.

Seine Suchtprobleme sind wohlbekannt; ebenso wenig ließ sich in der kunsthistorischen Forschung übersehen, welche Beziehung zwischen Sucht und Schaffen bei Kirchner besteht, hat er sie doch selbst mehrfach in Bildern wie dem „Trinker“ von 1915 thematisiert. Die eigentümliche Beziehung zu seinem Davoser Arzt jedoch blieb im Halbdunkel, und das, obwohl Bauer zugleich zu einem der bedeutendsten Kirchner-Sammler mit schließlich über 400 Werken avancierte.

Die Sammlung des Arztes ist längst in alle Welt verstreut. Seine Tätigkeit als Chefarzt des Davoser Parksanatoriums gab Bauer 1951 nach 27 Jahren auf und starb sechs Jahre später in Indien. Jetzt widmet das Kirchner Museum Davos der Beziehung von Künstler-Patient zu Sammler-Arzt eine Ausstellung, deren Ertrag insbesondere der umfangreiche Katalog ist, in dem die 200 erhaltenen Briefe Kirchners an Bauer erstmals publiziert werden (Davos Platz, bis 24. Oktober. Katalog 38 SFr.).

Die Ausstellung dient auch der Erinnerung an die umfangreiche Sammlung, die Davos mit ihrem Eigentümer verließ. Die damals geäußerte Vision, Kirchners Werk in dem Umfeld zu zeigen, in dem es entstanden war, konnte erst vierzig Jahre später in dem jetzigen, herrlichen Museum verwirklicht werden – ohne Bauers Bestände. Der Sammler-Arzt bleibt weiterhin eine Figur im Schatten, um nicht im Hinblick auf Kirchners tragisches, womöglich abwendbares Ende zu sagen: im Zwielicht. Bernhard Schulz

KLASSIK

Wenn unser

Unterbewusstsein hungert

Manchmal müssen Menschen ausbrechen. Einfach mal nicht das tun, was sie können und immer machen. Packt einen Manager dieses Bedürfnis, wird er vielleicht ein Überlebenstraining in der Wildnis absolvieren. Komponisten bietet sich eine feinsinnigere Variante: Sie improvisieren. Jahrzehntelang haben sie Werke analysiert, Tonfolgen konstruiert und mit Fleiß zu Papier gebracht. Dann packt sie die Sehnsucht nach ihren Wurzeln und sie entdecken ihre unterdrückten Seiten. So oder so ähnlich mag es Sofia Gubaidulina ergangen sein, als sie 1975 das Improvisationsensemble „Astraea“ gründete. „Ohne diese Musik hungert unser Unterbewusstsein“, sagt die heute in Hamburg lebende Komponistin aus dem tatarischen Kasan, und wer dort schon einmal war, weiß, wie präsent Folkloristisches aller Art neben westlicher Kultur in Tatarstan ist.

Eine mittlere Wagenladung voll asiatischer Instrumente fährt Gubaidulina mit ihren Mitstreitern Victor und Alexander Suslin im „Exploratorium“ auf, einem neu gegründeten Zentrum für improvisierte Musik am Mehringdamm. Wer allerdings moderne Adaptionen asiatischer Musik erwartet hat, wird enttäuscht. Die drei Musiker entlocken den exotischen Zimbeln, Zittern und Flöten ohne jeden spieltechnischen Anspruch sparsame Klänge, fädeln behutsam lichte Klangteppiche ein. Sie vermeiden dabei die in der Improvisationsmusik sattsam bekannten Steigerungseffekte, führen einfach nur leise Zwiegespräche. Ulrich Pollmann

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POP (2)

Wenn Metropolen

sich vermehren

Das Musizieren im Kollektiv hat eine Tradition, die vom Spielmannszug bis in den Orchestergraben reicht. Auch der Einsatz von Elektronik ist dabei nicht neu. Und nun gibt es sogar einen Zusammenschluss von Musikern aus dem Umfeld der Minimal-Techno-Szene, die ihren Sound gewöhnlich im Alleingang produzieren. Dementsprechend groß ist die Neugier auf Narod Niki , eine von Ricardo Villalobos ins Leben gerufene Laptop-Supergroup, die bislang nur einmal beim letztjährigen Mutek-Festival in Montreal aufgetreten ist. Im Rahmen der Popkomm wollten sie es nun noch einmal wagen; und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als der Club Neustadt in der Volksbühne , wo die Bühnenarchitektur von Bert Neumann mit ihrem Baustellencharakter den passenden Rahmen für experimentelle Klangwelten bietet.

Um Mitternacht beginnt die Super-Session, für die sich zehn Musiker im ersten Stock der Wohnhausfassade platziert haben. Ganz links Richie Hawtin, in der Mitte Robert Henke a.k.a. Monolake, der mit einer eigens entwickelten Software am Hauptmischpult  aufpasst, dass sich niemand im eigenem Beat verheddert oder der Gesamtsound im Einheitsbrei verloren geht. Konzentriert klemmen die Musiker hinter ihren Laptops und fluten den Saal mit einer Musik, die auf nichts mehr hinaus will, nur tiefer hinein in das digitale Klicken und Rauschen, bis alles pulsiert, bröckelt und bebt. Hohe Frequenzen und tiefe Bässe werden wie Reißnägel in die Kabel gedrückt, die individuellen Prozesse aufgetürmt, bis alles in sich zusammenfällt oder in skurrilem Lärm aufglüht, der sich anhört, als hätte man die Geräusche einer Metropole mit sich selbst multipliziert. Zentnerschwere Watte, bis in den frühen Morgen. Volker Lüke

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