Kultur : KURZ & KRITISCH

Ramon Mirfendereski

KUNST

Good Day,

Lenin !

Auf der Ladefläche eines Sattelzugs sind drei Granitbüsten mit orangefarbenen Bändern befestigt. Die rechte Büste zeigt den Staatsmann Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin. Links daneben stehen die versteinerten Oberkörper zweier namenloser Genossen. Das Triumvirat entstammt dem Dresdner Lenin-Denkmal, das 1991 demontiert und einer Firma in Ulm überlassen wurde. Der Künstler Rudolf Herz hat sich das zerstörte Denkmal ausgeliehen und Lenin on Tour geschickt. Die Reise begann vor drei Wochen in München, wo Lenin 1902 die Schrift „Was tun?“ verfasste. Das rollende Kunstwerk fuhr 8000 Kilometer weit, durch europäische Städte wie Zürich, Rom und Prag.

In Berlin ist morgen um 18.30 Uhr Endstation an der Volksbühne . Herz will mit seinem Kunstprojekt „Lenin das 21. Jahrhundert zeigen“, das sich von der kommunistischen Idee verabschiedet hat. „Ich will die mit den Trümmern verbundenen psychischen Energien offen legen – die Hoffnungen und Enttäuschungen“, sagt der Künstler, für den Lenin eine ambivalente Figur zwischen Held und Unmensch ist. Herz thematisiert zwar sehr geschickt den deutschen Umgang mit Erinnerung und die Abräummentalität nach der Wende, doch fehlt eine neue Perspektive. Das Projekt erweist sich als offen für allzu viele Lesarten. So bleibt dem Betrachter am Ende nur der eigene Horizont.

* * *

MUSIK

Hello,

Berliner Klassik!

Berlin war im 18. Jahrhundert die unumstrittene deutsche Musikhauptstadt – doch leider nur auf dem Gebiet Theorie. Die Dokumente der geistigen Aufbruchstimmung lassen sich noch heute mit Vergnügen lesen. Wo aber blieb und bleibt die Praxis? Gibt es eine „Berliner Klassik“ gegenüber der legendären „Wiener Klassik“? Den Versuch, den Kopf auf die Füße zu stellen, unternahm nun die Musikakademie Rheinsberg mittels Symposium und Konzert – und zwar am Beispiel der Sinfonie. Dafür wagte das Ensemble Stella Maris folgendes Experiment: Es stellte acht Komponisten aus Berlin und den benachbarten Höfen mit je einer Sinfonie vor, die meisten von ihnen fangfrisch aus dem Archiv.

Nun ist es selbst für ein begabtes Ensemble fast unmöglich, acht unbekannte Perückenträger ad hoc zu erfassen sowie dann auch noch Intonation und Zusammenklang locker zu meistern. Doch das Ergebnis ermutigte durchaus zu vertiefenden Studien. Allein die schlichten Jagdsinfonien von Gottlob Harrer und das faszinierende Panoptikum ganz eigener Synthesen aus barocker Motorik und expressiven Bizarrerien in den Sinfonien von Bach , Schaffrath oder Neruda zeigte, wie lohnend es sein kann, den Klassikerkollegen aus Wien einfach mal die Tür zu weisen. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar