Kultur : KURZ & KRITISCH

Ramon Mirfendereski

THEATER 1

Hollywood

als Bushywood

Auch Hollywoodfilme spiegeln die Krise der amerikanischen Gesellschaft – so die These von Georg Seeßlen und Markus Metz in ihrem Vortrag zur Eröffnung der Reihe „American Tragedy“ im Berliner HAU 1 . Die Filmkritiker lesen die Filme politisch, aber auch einseitig: Der imperialistische Drang, nationale Grenzen zu verschieben, der sich im „Moving frontier“-Sujet der US-Western und des Weltraum-Kinos wiederfindet, er habe zu Filmen geführt, die die äußere Bedrohung der eigenen Enge zum Thema machen. David Finchers „Panic Room“ oder Joel Schumachers „Telephone Booth“ weisen so Parallelen zur aktuellen Zeitgeschichte auf. Gleichzeitig seien Filme wie Martin Scorseses „Taxi Driver“, in dem ein Vietnamveteran ein Blutbad anrichtet, Hinweise darauf, dass das Massaker stets in die eigene Gesellschaft zurückkehre. Trotzdem baut Hollywood nach Ansicht von Seeßlen & Metz seit 9/11 wieder auf die alten Geschichten von Rache und Helden, die als Opfer sterben. Diese Lesart verengt allerdings das filmische Amerikabild. Ein Verweis auf Produktionen, die sich dem „bushistischen Massakerfilm“ kritisch widersetzen, hätte hier nicht geschadet. Zum Schluss sang Christoph Schlingensief zu Musik von Arnold Schönberg aus dem Flick-Katalog vor und bot eine witzige, aber wenig provokante Performance, in der er den Katalog mit etwas Wein übergoss.

* * *

THEATER 2

Mal Guru,

mal Pfau

Diesmal kommt die New Yorker Wooster Group ohne ihren Weltstar Willem Dafoe, und da passt es umso besser, dass die Produktion von Wooster-Mutter Elizabeth LeCompte „Poor Theatre“ heißt. Im Berliner Hau2 , unterm Signum der HAU-Reihe „American Tragedy“, beobachten wir nun im ersten Teil des Abends, wie die Wooster-Spieler als Helden des Video-Theaters wechselweise auf dem Schirm und leibhaftig versuchen, Grotowskis 40 Jahre alte Adaption von Stanislaw Wyspianskis 100 Jahre altem Drama „Akropolis“ nachzustellen. Als im Video jemand fragt, wozu das Ganze, antwortet die Schauspielerin Sheena See als Doppelgängerin der Regisseurin LeCompte ein wenig ratlos: „Good question.“ Und aus. Keine Tragödie. Nach der Pause werden die Woosters dann witziger. Part 2 ist nämlich dem New Yorker Choreografen William Forsythe und seinem Frankfurter Ballett gewidmet. Der war als Intendant in Deutschland natürlich nie ein Fall fürs „arme Theater“. Also simuliert Scott Shepherd den Forsythe eher ironisch: auf der Kippe zwischen Hommage und Verarschung. Forsythe alias Sheperd gibt ein Interview, philosophiert und schwadroniert über das Wesen des Tanzes und tanzt zugleich, was er spricht; das heißt, er verbindet jeden rhetorischen Radschlag des Künstler-Pfaus so komisch wie virtuos mit der Schweißarbeit des Körperakrobaten. Bis ihm, Spiel im Spiel, die Verwaltung den Strom abstellt. Armes Theater. (Noch bis 8. 10., jeweils 20 Uhr im HAU 2, Hallesches Ufer)

Peter von Becker

* * *

KUNST

Schöne, heile

Fürstenwelt

Es war einmal eine Königin im fernen Bayern, die wollte ihrem Mann eine Freude machen. Und so beauftragte sie ortsansässige Maler und Architekturstudenten, ihre Wohnräume in der Münchner Residenz in Aquarellen festzuhalten. Die Idee gefiel nicht nur König Max I. Joseph, sondern auch den Töchtern und Enkelinnen. Also ließen auch sie ihre Zimmer malen und sammelten diese Beutestücke in Erinnerungsalben. Als sie heirateten, nahmen sie ihre Alben mit, tauschten untereinander und erinnerten sich wehmütig an alte Zeiten. In München, Potsdam und Darmstadt haben sich solche Konvolute erhalten. Knapp 100 Interieurs der Biedermeierzeit aus dem Besitz der Hessischen Hausstiftung gastieren nun im Deutschen Historischen Museum Berlin (bis 31. Oktober; Katalog 20 €). Es sind kleine, friedliche, auf den besten Blättern von Eduard Gaertner oder Carl Graeb scheinbar sogar ideale Welten, die sich dem Betrachter wie Guckkastenbühnen öffnen. Die Erkenntnis, dass sich zwischen Sofa und Glasvitrine auch Revolutionen anbahnen können, hatte sich unter ihren fürstlichen Auftraggeberinnen noch nicht herumgesprochen. Sie blieb Künstlern wie Adolph Menzel vorbehalten. Aber das ist eine andere Geschichte. Michael Zajonz

0 Kommentare

Neuester Kommentar