Kultur : KURZ & KRITISCH

Christian Huther

KUNST

Wenn die Kalligrafen

den Höchsten preisen

Als Herz der arabischen Kultur gilt die Sprache. Entsprechend kommen in der Rangfolge nach den Dichtern die Kalligrafen. Sie wollen durch schöne Schrift das Wort Allahs widerspiegeln oder andere erhabene Gedanken mitteilen. Die Kalligrafie ist die Königin der bildenden Künste. Ihr widmet sich im Rahmen des Arabien-Schwerpunktes der Buchmesse das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. Das Spektrum der Schau reicht von klassischer Kalligrafie des 8. Jahrhunderts bis zu zeitgenössischen Werken (bis 30. Januar, Katalog 36 €). Wer allerdings des Arabischen nicht mächtig ist, sieht diese Handschriften wie Bilder. Schon die frühe Kufi-Schrift mit ihren langen horizontalen und kurzen vertikalen Linien ist reizvoll. Sie wurde geprägt von griechischen, persischen, indischen und sogar europäischen Einflüssen, wie die Schau belegt.

Die prunkvollsten Ausstellungsobjekte sind drei mächtige Koran-Folianten von 1360/80. Sie bestechen durch elegante Schrift, goldene Rahmen und viele Illuminationen. Nicht immer musste alles lesbar sein. Viele Kalligrafen neigten zu ornamental verschnörkelten Schriftzeichen. Der religiöse Bezug mit Allah-Zitat aber musste bleiben.

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ROCK

Wenn Musiker

mit Möbeln reden

Als Kind sei er oft allein gewesen. Sagt Howe Gelb , Chef von Giant Sand . Da habe er gelernt, sich mit Möbeln zu unterhalten. Im Berliner Quasimodo muss er das nicht. Es ist brechend voll. Howe im grauen Nadelstreifenjackett, mit weißem Schlips und schwarzem Hemd und roter Basecap. Und Oliki: Oberlippen-Kinn-Bart. Lustige Mischung aus Trucker, Handlungsreisendem, Zuhälter. Und freundlichem Musiker von nebenan. Und ist schon drin im ersten Song. Eine Soulnummer in Sechsachtel geht über in einen heftigen R&B-Roller. Der zweite Gitarrist stemmt eine kräftige „Fender Jazzmaster“ dagegen. Wechselt zur Slidegitarre. Und Slide-Mandoline! Schnell verfliegt die Enttäuschung, dass nicht mehr John Convertino Schlagzeug und Joey Burns Bass spielt. Die Neuen machen ihre Sache gut: bodenständig, solide, kompetent. Howe setzt auf klare Rockstrukturen. Entspannter Wüstenrock in flirrender Hitze, Twängel-Gitarren, Surf-Sound, zurückgelehnter Veranda-Blues, Boogie, rauchiger Jazz. Balladen und Midtempo-Rocker. Weniger schräge Experimente als früher, weniger elektronische Effekte. Keine ans Mikro gehaltenen Cassettenrecorder. Nur das zweite Gesangsmikrofon ist noch da, mit dem Echo. Ab und zu singt Gelb drei bis fünf hallige Wörter rein, bevor er ans normale Mikro zurückspringt. Und zwischen jeder Strophe schneuzt er sich in ein großes Taschentuch. Niest heftig. Muss schwer erkältet sein. Der Stimme hört man es nicht an. H.P. Daniels

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KABARETT

Wenn Komiker nicht

erwachsen werden

Komiker, heißt es, verarbeiten die Komplexe ihrer Jugendzeit auf der Bühne. Johann Köhnich aber wirkt, als sei er der Pubertät noch nicht entwachsen. Seine große Beständigkeit ist die Unbeständigkeit seiner Stimme, die quietscht und fiept, so gar nicht für die Bühne gemacht zu sein scheint. Beim Auftritt seiner „Ohne Proben nach oben“–Tournee im Kreuzberger Mehringhof-Theater beweist der 32-Jährige, dass er ebenso schlecht singen wie sprechen kann . Und dichten: „Es war im Mai, ich glaube/ da flog eine blinde Taube/ zu ihrem first Blind Date/ leider viel zu spät“ fistelt er hinter seinem Büchlein hervor. Das erinnert nicht nur inhaltlich an Heinz Erhardt und seine Made, sondern auch in der Konstruktion der Pointen: Köhnich beginnt meist bemüht-poetisch, bevor die Katastrophe hereinbricht. Nie politisch, selten zotig, immer minimalistisch. Der selbst ernannte „Entertainer im Bereich Humor“ benötigt nicht viel: den obligatorischen Kaberett-Koffer mit Requisiten – und sich selbst. Der Kölner, der zum Witzigsten zählt, was die deutsche Comedy-Szene zu bieten hat, steht im ständigen Dialog mit seinem abgespaltenen Ich: „Komm Johann, wir gehen in eine Frauenbuchhandlung.“ Alltagskollisionen, die ihm ein fast ebensolches Vergnügen zu bereiten scheinen wie seinem Publikum (bis 9.10, 14.–17.10, 20.30 Uhr). Richard Kropf

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