Kultur : KURZ & KRITISCH

Maxi Sickert

WELTMUSIK

Zu vorsichtig

zum Risiko

Am Anfang ist die Stille, die Zelebrierung des Künstlers. Eingebettet in diese feierliche Ruhe kommt der Pianist Gonzalo Rubalcaba auf die Bühne des Black Atlantic Festivals im Haus der Kulturen der Welt. Er stellt sich Notenblätter bereit, skizzierte Melodiefragmente, die er nicht wirklich benötigt, nimmt die Brille ab und findet mit sparsamen Tönen hinein in die ihm eigene Raumgebung und bewusste Langsamkeit und damit in diese besondere Konzentration, die nötig ist, um über 90 Minuten Solo zu spielen, Eric Saties „Gnossiennes“ oder John Coltranes „Giant Steps“ in komplizierte Improvisationen zu zerlegen und sie dadurch neu erkennbar werden zu lassen. Immer wieder stockt er, überlegt, wertet, tastet sich vor. Es ist ein sehr intimes Konzert, fast wie ein privates Ausprobieren.

So spult der zweifache Grammy-Gewinner kein vorgefertigtes Programm ab, sondern lässt die Zuhörer teilhaben an seiner Suche, die auch ins Nichts führen könnte. Es ist das, was für ihn selbst Jazz bedeutet: das Risiko der Freiheit. Der 41-jährige Exilkubaner, der seit acht Jahren im Norden Floridas lebt, spiegelt in seinem Herangehen an die Musik die Auseinandersetzung mit der Diaspora, den Wunsch nach Assimilierung und Zugehörigkeit zu einer Welt, die nicht die eigene ist. Seine Formensprache ist die der zeitgenössischen Moderne, ein Neokonservativismus, der sich artig bei der Ästhetik musikalischer Vorbilder und Förderer bedankt. So bleibt die Poesie seines Spiels gerade in seiner Virtuosität zu vorsichtig, um ein wirkliches künstlerisches Risiko einzugehen.

PERFORMANCE

Zu nett

zum Erschrecken

Wenn die große Holzkiste aufgeklappt wird, kommt sich der Betrachter wie ein göttlicher Puppenspieler vor. Oder wie ein Wissenschaftler, der auf seine Labormäuse herabblickt. Denn in „Colours may fade ...“, einer kleinen Studioproduktion an der Schaubühne, blickt man aus der Vogelperspektive auf die beiden Figuren in der Box (Bühnenbild: Rufus Didwiszus). Die ungewöhnliche Sicht hat eine Verfremdung des Gewohnten zur Folge. Zwei Gewohnheitstiere sind es nämlich, die sinnlose Geschäftigkeit an den Tag legen, in Papieren blättern, Wörter durchstreichen. Zwei komische Vögel. Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola aus dem Ensemble von Sasha Waltz und die australische Komponistin Joana Dudley sind ein traumhaft aufeinander eingespieltes Performer-Duo. Als hinreißendes Paar kennt man die beiden aus der Inszenierung „My Dearest...my Fairest“, wo sie Purcell-Arien auf Spielzeuginstrumenten interpretieren.

Hier sieht man ein akribisch buchhalterisches Paar eingeschlossen in seiner Beziehungs-Kiste, in freiwilliger Isolation. Wie eine groteske Studie zum Thema „Wenn Ehen älter werden“ mutet dieser Abend an. Nicht nur die physikalischen Gesetze scheinen außer Kraft gesetzt. Es gibt keine Worte mehr. Keine menschliche Stimme. Diese Kreaturen nehmen zu tierischen Lauten Zuflucht, die bedrohlich klingen - und bedürftig. Und katapultieren sich in einen paradoxen Zustand: erdabgwandt und luftschwer. Einmal scheinen sie zu schweben wie Kosmonauten im All und kleben doch am Boden. Die hübsch grotesken Einfälle dieser Performance, die stimmlich und körperlich ins Extreme klettert, tragen den Abend leider nicht. Aus dem Vertrauten soll ein sanfter Grusel aufsteigen. Aber der Schrecken bleibt merkwürdig in der Schwebe. Sandra Luzina

KUNSTPOLITIK

Zu wütend

zum Vergessen

Der Name reizt – auch zu schnellen Büchern.„Ein Leben wie in einem Entwicklungsroman: vom Glamour zum Leuchten der Kunstkennerschaft“, schreibt Peter Kessen über Friedrich Christian Flick – und in dieser etwas reißerischen, „Spiegel“-verwandten Tonlage hat er sein Buch „Von der Kunst des Erbens. Die „Flick-Collection“ und die Berliner Republik (Philo Verlag, Berlin 2004, 170 S., 12,90 €) denn auch verfasst. Geschickt vermittelt der Berliner Journalist dem Leser die Illusion, Zeuge des Geschehens zu sein, etwa wenn Flick im November 2003 im Bundeskanzleramt durch die versammelte Prominenz die Freisprechung von allen Vorwürfen seiner Widersacher erfährt. Kessen referiert die – hinlänglich bekannte – Geschichte des Flickschen Familienvermögens recht knapp, um Platz für sein ambitioniertes Vorhaben zu gewinnen, am Fall des Flick-Erben zugleich die „Verfasstheit“ der Berliner Republik zu demonstrieren. Gezügelte Wut spricht aus seiner Folgerung, Flick sei „vielleicht auch deshalb zu einer Galionsfigur der rot-grünen Kulturpolitik geworden, weil die Unterstützer in der Dreistigkeit des Coups auch ihre Macht erkennen“.

Dabei gelingen ihm abseits solcher Pauschalurteile bedenkenswerte Einsichten: „Die immobilen Freiräume der jungen Berliner Szene“ – schreibt er über das Kunstquartier Auguststraße – „basieren indirekt auf den Arisierungen während der Hitler-Herrschaft.“ Und: „Mit den Jahren hätte vielleicht ein Nachdenken über die Voraussetzungen der eigenen Freiheit einsetzen können.“ So wird für Kessen aus dem Fall Flick, in der Öffentlichkeit meist unter dem „Blutgeld“-Vorwurf diskutiert, der Beleg für die Geschichtsvergessenheit der Republik – bis hin zu ihrem linksalternativen Rand. Man könnte auch sagen: ein Beleg für die unvermeidliche Historisiserung der Geschichte. Bernhard Schulz

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