Kultur : KURZ & KRITISCH

THEATER

Das Dinner

der Großmeister

Die Chroniken des Jahres 1747 verzeichnen keine Begegnung zwischen Bach und Händel. Schlimmer noch, die Großkomponisten des Barock haben sich hienieden nicht ein einziges Mal getroffen. Was dem 1943 geborenen Journalisten und Dramatiker Paul Barz zu einer hübschen Erfindung verhalf – er korrigiert die Historie. Thüringer Hof, Leipzig: Händel, hemmungslos eitel, schwitzend vor Reichtum, hat Bach, den ewig hungrigen Thomaskantor, zum fürstlichen Essen eingeladen. Eine Mögliche Begegnung also, anlässlich der 1747 erfolgten Aufnahme Bachs in eine hochbedeutende „Sozietät“, deren Ehrenmitglied der aus London Herbeigereiste ist. Die Genies treiben ein dialogisches Versteckspiel, kneten Ehrlichkeit und Verstellung, Bewunderung und Neid unauflöslich ineinander.

Ernst Schröder und Martin Held hoben das in 14 Sprachen übersetzte Stück 1985 in der Deutschen Oper aus der Taufe. Jürgen Wölffer inszeniert es nun mit Siegfried W. Kernen (Bach), Hans Teuscher (Händel) und Johann Christoph Schmidt (Händels Faktotum) in der Komödie am Kurfürstendamm . Teuscher macht aus Händel einen cholerischen Berserker. Das Spielerische, Hintergründige der Figur kommt dabei zu kurz. Siegfried W. Kernen führt seinen Bach mit festgeklebtem devotem Lächeln ein, gewinnt dann aber, beim Wein, eine spritzige Leichtigkeit (bis 14. November täglich außer montags). Christoph Funke

KABARETT

Das Schunkeln

der Tombolaspieler

„Friede den Krippen und Krieg den Seniorenresidenzen“, kalauert es aus der Friedrichstraße. Die Deutschen, in den Fängen des Methusalem-Komplotts, sterben aus. Und das Kabarett Distel macht mobil. Zumindest steht das in der Ankündigung von Torschusspanik , dem neuen Programm (wieder: 12.-14. sowie 20.-23. und 28.-30. Oktober, 20 Uhr). Und dann legen sie los: Gegen Steuergesetzgebung, Agenda 2010 und Hartz I bis IV. Gegen Deutsche Bank und Deutsche Bahn. Gegen die FDP sowieso. Die ist in den Neuen Bundesländern so heimisch wie Lilo Wanders in Kabul (Applaus). Aber die anderen Parteien sind nicht besser: „Wahlen sind wie Tombola, ratlos steht der Wähler da“ (lang anhaltender Beifall). Und die böse Arbeitgeberklasse singt die „Drei-Millionen-Euro- Oper“ und schluchzt, sie müsse Arbeitsplätze ins Ausland verlegen (nicht enden wollender Beifall).Die wandlungsfähige Bastienne Voss gibt mal die Prostituierte, dann die Sachbearbeiterin und schließlich die Karrierefrau. Edgar Harter ist in einer Otto-Waalkes-Adaption des Kanzlers Kleinhirn und sein sozialdemokratisches Gewissen. Denn Gert Kießling hat als selbstvergessenes Großhirn längst sämtliche Ideale verloren. Da blitzt fast so etwas auf wie Biss. Doch nach der Pause geht es putzig weiter mit Osterhasen-Ich-AG, Mandy mit dem trendy Handy und Zuwanderungsstopp für Außerirdische. Warum wird hier eigentlich nicht geschunkelt? Steffen Richter

POP

Das Risiko

der Freiheit

Am Anfang ist Stille. Eingebettet in feierliche Ruhe kommt der Pianist Gonzalo Rubalcaba auf die Bühne des Black-Atlantic- Festivals im Haus der Kulturen der Welt . Schwarzes Hemd, schwarze, eckige Brille. Er stellt sich Notenblätter bereit, skizzierte Melodiefragmente, die er nicht wirklich benötigt, nimmt die Brille ab und findet mit sparsamen Tönen hinein in die ihm eigene Raumgebung und bewusste Langsamkeit – und damit in diese besondere Konzentration, die nötig ist, um über 90 Minuten Solo zu spielen, Saties „Gnossiennes“ oder Coltranes „Giant Steps“ in komplizierte Improvisationen zu zerlegen und sie dadurch neu erkennbar werden zu lassen. Immer wieder stockt er, überlegt, wertet, tastet sich vor. Es ist ein sehrintimes Konzert, fast wie ein privates Ausprobieren. Rubalcaba lässt die Zuhörer teilhaben an einer Suche, die auch ins Nichts führen könnte. Das ist, was Jazz für ihn selbst bedeutet: das Risiko der Freiheit. Der 41-jährige Exilkubaner, der seit acht Jahren in Florida lebt, spiegelt in seinem Herangehen an die Musik die Auseinandersetzung mit der Diaspora. Den Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Welt, die nicht seine ist. Seine Formensprache ist die der zeitgenössischen Moderne, ein Neokonservativismus, der sich artig bei der Ästhetik musikalischer Vorbilder und Förderer bedankt. So bleibt die Poesie seines Spiels gerade in seiner Virtuosität zu vorsichtig, um wirklich ein Risiko einzugehen. Maxi Sickert

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