Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Fremder in

der Nacht

Franz Schubert ist 31, als er seine „Winterreise“ vollendet. Er fühlt und komponiert, dass er sich auf einer Straße bewegt, „die noch keiner ging zurück“. Selten ist die Ambivalenz zwischen der Jugend des Komponisten und seinen depressiven Abschiedstönen so greifbar geworden wie in der Interpretation von Ian Bostridge , die – mit aller Vorsicht gesagt – zum Genialen tendiert. Seit zwei Jahren arbeitet der britische Tenor mit dem norwegischen Pianisten Leif Ove Andsnes zusammen, und was die beiden Musiker verbindet, ist das Streben nach einem Ideal des deutschen Liedes. Daher sind die Betonungen im Klavierpart von der Art, die Bilder der gesungenen Gedichte Wilhelm Müllers voraus- und plastisch als Erinnerung nachklingen zu lassen.

Der Sänger, hochgewachsen, schmal, durchscheinend, ist das Gegenteil eines rattenfängerischen Bühnentyps, und sein Singen eher Mitteilung, die in lockerer Haltung an das Auditorium im überfüllten Kammermusiksaal erfolgt, als klassischer „Vortrag“. Diese im Aufbegehren wie in der unheimlichen Sehnsucht – „Blumen im Winter“ – Wort für Wort durchdachte Seelenreise verfügt über ein unerhörtes Gefälle: Vom frei deklamierten Wort, schneidenden Ausbruch zur verschwiegenen Kantabilität. Wie Bostridge sich in die Gestalt des kranken Wanderers versetzt, so begreift er dessen an Wahnsinn grenzendes Mitteilungsbedürfnis: Schnee, Tränen, Totenacker, Lindenbaum. „Komm her zu mir, Geselle“: das ist zu verrückt, um Volkslied zu sein.

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THEATER

Die heimliche Angst

der Femme fatale

Es sind immer recht verzagte Zeitgenossen, die Nico and the Navigators aufs Korn nehmen. Helden des komisch-anmutigen Scheiterns. Wenn sie sich in ihrer siebten Produktion "Helden & Kleinmut" den eigenen Ängsten stellen, ist das ein garantiert unheroisches Unterfangen (weitere Aufführungen bis 16.10.). Dafür begeistert der Abend in den Sophiensälen durch surreale Bildfantasie, absurden Witz und starke Darsteller. Sechs Navigators sind ausgezogen, das Fürchten zu lernen. Am meisten haben sie Angst vor der Angst. Einer furchtlosen Frau reserviert Regisseurin Nicola Hümpel den ersten Auftritt, der Französin Anne Paulicevich. Eine Femme fatale, die mit der Liebe spielt. Und sich am Ende vor sich selbst fürchtet. Ansonsten defilieren wieder verschreckte und verwirrte Jünglinge mit hochgeföntem Haarschopf über die Bühne, die ihre Verzagtheit wie ein wundersames Gepäckstück mit sich herumtragen. Oliver Proskes Bühnentürme sind zugleich Versteck und Falle. Sie verschlucken die Darsteller, um dann nur ein fliehendes Bein den Blicken preiszugeben. Die eigentlichen Motive liegen im Dunklen. So ist der in pastellbarbenes Licht getauchte Bühnenspuk vergnüglich anzusehen: Furcht und Flieder.

Miyoko Urayama verbirgt sich hinter ihrer schwarzen Haarmähne und verwandelt sich dabei in eine kleine Dämonin. Wenn sich dann ein Kamm in Zeitlupe auf ihren Kopf zubewegt, wird einem Angst und Bange. Der maliziöse Lajos Talamoti malt lustvoll ein Schreckensregister aus, warnt vor Billigfliegern, aufgewärmtem Spinat und Monsterwellen. Das neuformierte Ensemble beschwört die Gefahr in mehreren Sprachen. Am Ende weiß man, wie man sich auf Japanisch fürchtet und auf Französisch Mut macht. Wie beruhigend! Sandra Luzina

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AUSSTELLUNG

In Liebe

zerflossenes Gefühl

Die schrillen Töne, die den Besucher im Musikinstrumenten-Museum Berlin empfangen, gehören keinem Dudelsack und auch keiner überdrehten Schalmei: Alan Hacker führt in zwei „heroischen Stücken“ von Telemann so etwas wie die Ur-Klarinette vor, wie sie Johann Christoph Denner um 1700 in Nürnberg erfand. Der kombinierte einen Blockflötenkopf mit einem eigentlich als „Entenlocker“ verwendeten Zungenmundstück, ein Verfahren, das schon vom Orgelbau her bekannt war. Heraus kam dieser durchdringende hohe Klang, der die schwer zu spielenden Barocktrompeten imitieren sollte.

Die von Heike Fricke besorgte Ausstellung „Faszination Klarinette“ feiert den 300. Geburtstag des Instruments (bis 27. Februar 2005) : Während es zur Barockzeit in seiner virtuosen Beweglichkeit eingesetzt wurde, entdeckte Mozart seine gesanglichen Möglichkeiten – „ein in Liebe zerflossenes Gefühl“, wie der Dichter Schubart meinte. Damit begann die Entwicklung zum romantischen Instrument par excellence, bis hin zu den wehmütigen Abschiedswerken von Johannes Brahms. Die immer differenziertere technische Entwicklung gipfelt in einer nahezu unspielbaren, durch die Klappen fast auf den doppelten Umfang aufgeblähten Viertelton-Klarinette. Entsprechend skurril sind manche Erscheinungsformen. etwa die „Spazierstockklarinette“, auf der biedermeierliche Dilettanten gern im Freien musizierten. Die Klarinette sei „wie ein Baum im Herbst“, meint der langjährige Philharmoniker-Solist Karl Leister. Vom Klangbild, das je nach Ländern und Epochen in den buntesten Farben schillert, vermitteln Videos einen Eindruck. Hier kommen Koryphäen wie Sabine Meyer zu Wort. Und natürlich auch Giora Feidman – schließlich ist die Klarinette auch aus Jazz und Klezmer nicht wegzudenken. Isabel Herzfeld

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FOTOGRAFIE

Erinnerungen

an unsere Träume

Eine leise Melancholie liegt stets über den Schwarz-Weiß-Fotografien Ulrich Wüsts. Der gebürtige Magdeburger und studierte Stadtplaner, seit 1972 in (Ost-)Berlin ansässig, hat erst den Verfall der ausgehenden DDR-Jahre, dann die bisweilen grotesken Versuche einer raschen Modernisierung nach der Wende festgehalten. Bekannt wurde er mit seinen Büchern über Prenzlauer Berg, Hellersdorf oder die ungeliebte Heimatstadt Magdeburg. Doch Wüst ist mehr als der Dokumentarist in der Tradition der Neuen Sachlichkeit der Zwanzigerjahre. In seinem neuen Buch kombiniert er Bilder aus der DDR mit Reisefotografien der Zeit danach (Ulrich Wüst: Kopfreisen und Irrfahrten. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2004. 64 S., 70 Duplex-Abb., Ln. 28 €). So entsteht ein Foto-Essay über die Diskrepanz erträumter und realer Landschaften, ja eine Innenansicht des Lebens in der DDR. Und zugleich schwindet der Reiz der seinerzeit so ersehnten Reiseziele. Die wirklichen Reisen finden im Kopf statt. Davon, und nicht so sehr von Naxos oder Mexiko, liefert Wüst ein stilles, nachdrückliches Bild. Bernhard Schulz

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