Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Vergiss

die Vorbilder nicht

Wenn Komponisten Werke ihrer Kollegen dirigieren, machen sie das oft ziemlich schlecht – die Notwendigkeit, sich mit einer eigenen Musiksprache abzugrenzen und das einfühlende Verständnis des Interpreten schließen sich offenbar weitgehend aus. Nicht so bei George Benjamin . Der 44-jährige britische Komponist ist ein überraschend guter Dirigent. Drei Mal wird er als Composer-in-Residence in dieser Saison das Deutsche Symphonie-Orchester leiten. Faszinierend, wie er mit dem fabelhaft homogenen DSO in der Philharmonie die tief schwarzen, an Mark-Rothko-Bilder erinnernden Klangballungen aus dem kontemplativen Idyll von Takemitsus „A Flock descends into the Pentagonal Garden“ herausarbeitet. Oder wie er das rhythmische Gewirk der Bläser in Messiaens Klavierkonzert „Oiseaux exotiques“ (zu den mitreißenden Klangfarborgien von Pierre-Laurent Aimard) quecksilbrig pulsieren lässt. In diesem Zusammenhang wirkt Benjamins Jugendwerk „Ringed by the Flat Horizon“ von 1980 erstaunlich verhalten. Keine schroffe Selbstbehauptung, sondern ein behutsamer Abnabelungsprozess. Vielleicht erklärt gerade das den Dirigenten Benjamin: einer, der sich die Vorbilder nicht aus dem Herzen gerissen hat, sondern sie liebt und versteht.

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FILMFESTIVAL

Vergiss

die Heimat nicht

Die dokumentART Neubrandenburg will sich neu profilieren. Das Filmfestival , dessen 13. Ausgabe mit der Verleihung des Hauptpreises an die dokumentarische Arbeitslosentragikomödie „Bar na Victorii“ von Leszek David aus Polen zu Ende ging, war 1992 aus dem nationalen Treffen der Dokumentarfilmschaffenden der DDR hervorgegangen. Während die Traditionalisten nach der Wende auf die Insel Poel auswanderten, öffnete sich die dokumentART neuen Ausdrucksformen. Neben dem Wettbewerb förderte man mit einem Osteuropa-Informationsprogramm den Austausch über die Grenzen. DEFA-Retrospektiven und Filme aus Mecklenburg-Vorpommern sollten helfen, die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Gerade diese Programme mussten diesmal ausfallen. Die Landesregierung hatte zum zweiten Mal 15000 Euro aus dem Etat gestrichen. Dank Unterstützung von öffentlicher wie privater Seite konnte die dokumentART zwar dennoch stattfinden, doch nur in „amputierter“ Form, wie es Festivalleiter Holm-Henning Freier nennt. Angesichts der Notlage werden jetzt Pläne zur Neukonzeptionierung im Turbotempo vorangetrieben, um sie schon für 2005 fruchtbar zu machen. So will man sich auf europäische Filme konzentrieren und das Dokumentarische um den Kurzspielfilm erweitern. Angesprochen werden sollen junge Filmemacher in der zweiten, oft schwierigsten Schaffensphase. Silvia Hallensleben

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