Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Man begegnet sich

immer zweimal

Am Ende dieses Abends schlendert Simon Rattle durch die Reihen des längst leeren Podiums und verbeugt sich vor den Stühlen seiner Musiker. Gefeiert und gelöst. Zwei Jahre ist es her, dass er sich mit Mahlers fünfter Sinfonie als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker vorstellte. Damals verspürte man eine seltene Anspannung im Saal. Und erlebte, wie Rattle mit geradezu grimmiger Wucht auf dieses Werk losging und versuchte, in allen taumelnden, stürzenden Passagen das Positive möglichst hell auszuleuchten. Dabei schloss sich seine Faust immer fester um den Dirigentenstab – und die finale Wendung ins Triumphale detonierte bei gefrorenem Lächeln. Welche Wege die Philharmoniker und ihr Chef seitdem zurückgelegt haben, zeigt jetzt eindrucksvoll das Wiedersehen mit Mahler. Es ist ein Weg ins Freie. Nach zarter, mit betörender Klangsinnlichkeit gefasster Trauer in Bergs Violinkonzert (inklusive edel mattiertem Solopart von Pinchas Zukerman), wenden sich Rattle und seine Musiker mit entwaffnender Offenheit der Fünften zu. Dabei platzt eine Schicht rein äußerlicher Dramatik von ihr ab, wird ein Kokon aufgebrochen, in dem eine aus biografischen Kurzschlüssen gespeiste Mahler-Interpretation diese Musik gern einspinnt. Rattle hat sich davon gelöst, den Menschen Mahler (oder den von Mahler berauschten Menschen) interessant machen zu müssen – und so gelingt ihm eine überragende Aussicht auf eine unerhört reiche, faszinierende musikalische Welt. Ungemein präzise, aber dabei nicht unnachgiebig, entspannt und voller Neugier erklimmen die Philharmoniker einen neuen Gipfel. Nie zeigte sich das Finale der Fünften weniger neurotisch – und so erfüllt vom elektrisierenden Klang des Lebens.

* * *

KUNST

Schicke Roben, lange

Winternächte in Berlin

Was macht ein Maler in Berlin? Das gleiche wie jeder andere Tourist: Er besucht das Theater, das Kabarett oder Varieté. Das geht auch Emil Nolde nicht anders, der seit 1889 regelmäßig die Winter in Berlin verbringt. Der einzige Unterschied: Nolde ist die Gabe des schnellen Pinsels gegeben. Auf Aquarellen und Tuschezeichnungen entsteht ein „gemaltes Tagebuch“, das besonders in den Jahren 1910/11 die Eindrücke der nächtlichen Exkursionen festhält: „impotente Asphaltlöwen und hektische Halbweltsdamen in elegant verwegenen Roben“.

Nach der großen Nolde-Ausstellung 1988 im Berliner Brücke-Museum sind nun rund fünfzig dieser Blätter unter dem Titel Nolde in Berlin erneut für kurze Zeit in der Stadt zu sehen: als Leihgabe der Nolde-Stiftung in Seebüll, in der Landesvertretung Schleswig-Holstein . Es soll, so Manfred Reuther, Direktor der Nolde-Stifung, ein Vorgeschmack auf mehr sein: Im kommenden Jahr will die Stiftung eine Dependance in Berlin eröffnen und damit der besonderen Rolle der Stadt für den Maler Rechnung tragen. „Viel Augenreiz war allenthalben“, hat Nolde über Berlin geschrieben, und seine Bilder beweisen es. Schauspielerinnen in eleganter roter Robe, die mit ihrer schmalen Silhouette an Toulouse-Lautrec erinnern, eine Diseuse am Flügel, deren üppiges rotes Haar wie eine orange Wolke um den Kopf steht, ein elegantes Paar beim Tanztee oder eine Musikkapelle. Es sind leuchtende Notate, mit sicherem Pinsel hingeworfen, üppige Blumen der Nacht. Nur der Maler selbst hat sich dem Trubel entzogen: Sein Selbstbildnis von 1907 zeigt ihn mit verschlossenem, verschatteten Gesicht, ein düsterer Träumer. (noch bis 21. Oktober, täglich 9 bis 18 Uhr, Eintritt frei). Christina Tilmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben