Kultur : KURZ & KRITISCH

Ramon Mirfendereski

POP

Himmelfahrt

einer Legende

Jesus lebt! Elvis lebt! Und auch Freddie lebt! Vor 13 Jahren starb die Rocklegende Freddie Mercury der Gruppe Queen. Doch jetzt ist die „Königin“ des Pop wieder auf Erden: in Gestalt des Texaners Joe Clark im Berliner Schiller-Theater . Die heroischen „We are the champions“-Gesten, die Pirouetten auf den neongelben Schuhen und die stimmlichen Intervallsprünge hat Clark bereits mit seinen Queen-Shows in Südafrika präsentiert. Er sieht seinem Meister verblüffend ähnlich. Auch sein Timbre gleicht dem an Aids Verstorbenen. Der tenorale Schmelz, die raue Expressivität und die Flucht ins liebliche Falsett lassen Mercury wieder aufleben. Trotzdem behauptet Clark beharrlich, keine Kopie zu sein. Und doch ist er ein gelungenes Abziehbild, ein post mortem-Freddie zum Anhimmeln, der die Queen-Fans im Theater begeistert. Nur Gitarrist Nathan Smith passt nicht ganz ins Bild: Mit seinen blonden Zöpfchen, die er beim Headbanging einsetzt, und seinem nicht immer filigranen Gitarrensound zerstört er die Queen-Illusion. Stehende Ovationen beschert das Publikum Joe Clark, wenn er am Ende zu „We will rock you“ seine Brust entblößt und sich bei seinem großen Vorbild mit einem Wink zum Theaterdach respektive zum Himmel bedankt. Etwas pathetisch. So wie Freddie.

FILM

Die Wunder

dieser Welt

Die Entstehung der Welt: Gegenstand zahlloser Geschichten, religiöser und philosophischer Interpretationsansätze, mathematischer Berechnungen. Jetzt können Bilder vom Urknall und der Entstehung der Arten auf Leinwand bestaunt werden: Sechs Jahre haben Claude Nurid sany und Marie Pérennou an „Genesis“ gearbeitet. Ästhetisch bewegt sich das Werk zwischen Epos und Natur-Dokumentation: ein Versuch, die Evolution mit der Kamera zu erklären. Ein Film, der Großes verspricht.

Wegweiser durch die Entwicklungsstadien des Lebens ist ein afrikanischer Schamane ( Sotigui Kouyaté ). Eindrucksvolle Szenen illustrieren die Schöpfungsgeschichte: der Urknall, die Erde als Feuer- und Wasserplanet, die Bildung von lebender Materie. Doch bald wird der Blick auf konkrete Lebewesen gelenkt, auf ihre Geburt, Selbsterhaltung und Rivalenkämpfe. Ob Amöben, rote Frösche, die Galapagos-Schildkröten oder kämpfende Chamäleons: „Genesis“ geht ganz nah heran an seine animalischen Helden – und leider nicht über naives Staunen heraus. Der Film verlässt sich zu sehr auf die Oberfläche der Bilder, um als Dokumentation überzeugen zu können. Auch der philosophische Auftritt bleibt simpel. Die Schöpfungsgeschichte als Märchen: eine Einführung für Kinder (in Berlin in 7 Kinos). Katharina Wagner

KUNST

Der Naive ist sich

selbst genug

Wer das MoMA in Berlin besucht hat, kam an Henri Rousseau nicht vorbei. Jetzt ist sein Werk „Der Traum“ zurück in New York, eine Inkunabel der naiven Malerei. Der Berliner Kunstfreund darf sich mit Rousseaus Erben trösten. Im Kunstforum der Berliner Volksbank werden Naive Wege der Kunst nachgezeichnet (bis 2. Januar, Budapester Str. 35, Di–So 10–18 Uhr) . An die 140 Werke sind zu sehen, ihre Schöpfer waren Köche wie Karl Palleta (1898-1972) oder Stahlbauschlosser wie Franz Klekawa (geboren 1925).

Während Henri Rousseau mit 41 seinen Zöllnerjob an den Nagel hängte, bleibt ein „echter“ Naiver seinem Beruf treu. Künstlerkarriere und Kunstmarkt interessieren ihn nicht. „Der Naive schafft nach der mythischen Formel ,Alles kommt aus mir selber’“, erläutert Kurator Konrad Vanja . Er führt in der Ausstellung Arbeiten aus dem Dahlemer Museum Europäischer Kulturen mit der Sammlung Felicitas und Konstantin Pallat zusammen.Es sind vorwiegend kleinformatige Werke – unbekümmert, aber fantasievoll gemalt. Neben Familienbildnissen, Seestücken, fantastischen Seelenlandschaften präsentiert die Ausstellung auch religiöse Motive mit dem Ölbild „Der barmherzige Samariter“ (1920/28) als Höhepunkt. Es stammt von Adalbert Trillhaase (1858–1936), dem bekanntesten deutschen Naiven, der von den Nazis als „entartet“ diffamiert wurde. Für Trillhaase bedeutete das: Malverbot. Heute verbindet ihn das fragwürdige „Prädikat“ mit den Großen der Moderne. Jens Hinrichsen

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