Kultur : KURZ & KRITISCH

Nikola Richter

LITERATUR

Kurze Gedichte,

kleine Kulturpolitik

Poeten in Berlin muss man sich als Gschaftlhuber vorstellen. Sie schreiben zwar gerne Gedichte, aber mit dem Schreiben ist es nicht getan. Also wird hier etwas organisiert und dort etwas herausgegeben. So nimmt es nicht wunder, dass bei der Fête de la Poésie in der Galerie Neurotitan zwölf erlesene Dichter vor das Volk treten. Ulrike Draesner steht mit neuen Texten am Mikro, Volker Braun reklamiert sitzend von Beamtenwegen, Adrian Kasnitz verschickt Kölner Postkarten über den WDR und den Mediapark. Das Präsentierteller-Format von fünf Gedichten pro Autor ist klug gewählt, denn so bleibt der Zuhörerschaft Zeit für den betrieblichen Austausch – in den Pausen.

Doch eines ist an diesem Abend anders als sonst: Das Lesefest gilt dem unrunden 87. Jubiläum der Online-Anthologie Lyrik.Log . Es feiert somit nicht nur die kleinen Formen der Literatur, sondern auch Literaturpolitik mit kleinsten Mitteln. Seit Februar 2003 veröffentlicht Ron Winkler , selbst Dichter und zudem Herausgeber der Literaturzeitschrift „intendenzen“, auf den Seiten des Kulturmagazins „satt.org“ jede Woche ein zeitgenössisches Gedicht. Zunächst gedacht als ein Kurzprojekt mit 25 Folgen, ist aus dem Lyrik-Logbuch eine umfassende Poesie-Bibliothek geworden, vielleicht sogar eine Konkurrenz zur aufwändigen „Lyrikline“ der Berliner „literaturWerkstatt“. Bekannte Namen wie Friederike Mayröcker und Marcel Beyer stehen neben Neuentdeckungen wie Sabina Naef. Bis zur 100. Folge soll es nun weitergehen. In der aktuellen Ausgabe gibt es getreu dem Minimalismus der Veranstaltung nur einen Einzeiler zu lesen.

* * *

KLASSIK

Akrobatische Sprünge,

wirbelnde Läufe

Alle seine Fans waren da. Und jubelten. Wollten ihn gar nicht wieder von der Bühne lassen. Juan Diego Florez , der neue Megastar des Belcanto, gab sein lang erwartetes Berlin-Debüt in der Deutschen Oper – und präsentierte sich live sogar noch mitreißender als auf seinen CDs. Vor allem aber bescherte der peruanische Tenor seinem Publikum zwei kleine Erleuchtungen: zum einen, dass es sich bei den Opern von Rossini, Bellini und Donizetti um reinstes Biedermeier handelt. Zum anderen, dass es eine ästhetischen Seelenverwandtschaft gibt zwischen Koloraturketten und Pirouetten. Florez verkörpert perfekt den Geist des frühen 19.Jahrhunderts, die neue Innerlichkeit nach den Revolutionswirren, sublimierte Erotik, die Dominanz des Divertissements.

Ein zierlicher ballerino mit Frack und eng anliegenden schwarzen Hosen: vorbildlich die Fußstellung, expressiv sein port de bras. Geschmeidig federt er akrobatische Intervallsprünge und wirbelnde Läufe ab, geht bei hohen Tönen auf die Zehenspitzen, meistert die heikelste Tonschrittkombination mit muskulöser Grazie. Achtbar schlagen sich die Musiker der Deutschen Oper unter Riccardo Frizza und können doch nicht mit der kunstvollen Künstlichkeit des tenoralen Vortänzers mithalten. Plump wirken ihren Klangfarben im Vergleich zu Florez’ vokalen Pastell-Schattierungen, seinen Pianissimo-Raffinessen, den formvollendet ausgehauchten Melodiebögen. Vor jeder Stretta lockert er den Kiefer, schüttelt die Hände weich, korrigiert die Pose – und stahlt dann los: als Etoile am Belcanto-Himmel. Frederik Hanssen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben