Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Der Dirigent, der

aus der Kälte kam

Am Ruf des Freistaats Bayern als Innovationsmotor der Republik hat auch der Bayerische Rundfunk seinen Anteil. Während man andernorts noch verstört den kontinuierlichen Bedeutungsverlust klassischer Rundfunkkultur registrierte, handelten die Münchner bereits und bauten ihr Sinfonieorchester zum international konkurrenzfähigen Konzert-Klangkörper aus. Eine erfolgreiche Flucht nach vorn, der seither die meisten Rundfunkorchester mit mehr oder weniger Glück gefolgt sind. Doch bei ihrem Gastspiel in der Berliner Philharmonie zeigen die Bayern erst mal ihren Professionalitätsvorsprung: Die seidig homogenen Streicher und die perfekt integrierten Holzbläser spielen tatsächlich in der ersten Orchesterliga. Eigentlich eine gute Voraussetzung, um Musik zu machen. Und mit Bartoks „Konzert für Orchester“ und Tschaikowskys „Pathétique“ hatte Chefdirigent Mariss Jansons zwei gewichtige Vermächtniswerke aufs Programm gesetzt. Doch keine Spur von Tschaikowskys Zerrissenheit und Bartoks spätestens im langsamen Satz offenkundigen Abgründen: Jansons und seine Musiker sind zufrieden damit, ihre Klangkultur zur Schau zu stellen, feiern sich selbst statt sich die Fragen nach Sinn und Ausdruck der Werke zu stellen. Das „Konzert für Orchester“ wird zur schillernd abschnurrenden Virtuosenetüde, die klassischen, das überschwappende Sentiment konterkarierenden Formkanten der „Pathétique“ werden in kuschligen Winterpelz gehüllt. Nur das Herz, das bleibt kalt.

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KUNST

Der Stoff, aus dem

die Säume sind

Rau, gleichmäßig, sanft, grob, flaumig, rissig, luftig, samtig, uneben, borstig, fein, zart, hart, zäh, weich – ein Versuch ist es wert: Die Augen schließen, die Stoffe einfach durch die Hände gleiten lassen. Der Eingang zur Ausstellung Textiles St. Gallen im Kunstgewerbemuseum Berlin ist ein in allen Farben schillerndes Stofftor (Kulturforum, bis 9. Januar). St. Gallen, eine Region am Schweizer Ufer des Bodensees, blickt zurück auf eine fast tausendjährigen Textilkultur. Mit Hilfe moderner Medien verspricht die Ausstellung Einblick in die Vielfalt der dortigenTextilherstellung – von Hightech bis Haute Couture: Küchentücher, Wundkompressen, Sportbekleidung, Sicherheitsfilter, bestickte Teddybären, Seile für Segelschiffe und Kleider aus feinsten Stoffen von Yves Saint Laurent oder Dior. Auf den 400 Quadratmetern Ausstellungsraum sind alle fünf Sinne gefordert, bis zur Überforderung. Reizüberflutung droht. Aus allen Richtungen Töne, Musik, ein Vogel zwischtert, ein Hund bellt, Bilder flimmern über Wände und Stoffe, überall Lichtreflexe. Ein Film über die Anwendung von Textilien verursacht leichtes Schwindelgefühl, er läuft um die Zuschauer herum. Ein interaktiver Tisch lädt ein, selbst kreativ zu werden. Unklar ist, worin die Kreativität besteht. Im Berühren des Tisches, im Wahrnehmen der dann aufblinkenden Information? Wer Historisches erfahren will: Der Überblick über tausend Jahre Textiles in St. Gallen baumelt, in kleinstmöglicher Schrift, an sechs Laternen aus schimmernden Stoff von einer Säule herab in den Raum. Viel zu lesen, viel zum Anfassen. Diese Ausstellung ist ein ungewöhnlicher, vielleicht etwas anstrengender Rundgang durch die Welt der Stoffe. Katharina Wagner

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ARCHITEKTUR

Das Haus, das

in den Kissen liegt

Mal offen, mal geschlossen Fenster ziehen sich als Leitthema durch Hein Spellmanns Objekte, die in der Architektur Galerie Berlin zu sehen sind (Ackerstraße 19, bis 30. Oktober). Bei seinen kleinformatigen Arbeiten, die den zweiten Teil des Ausstellungszyklus zum „Bild vom Haus“ in der Galerie bilden, handelt es sich um Fotografien, die auf Schaumstoffpolster aufgezogen sind. So entstehen kissenförmige Objekte mit architektonischen Detailansichten. Doch dienen Spellmann die Fenster weder als Ausblick in die Welt, noch gewähren sie Einblicke in die Lebenswelten, die sich hinter den Hauswänden verbergen. Vielmehr markieren sie die Grenzzone zwischen Innen und Außen. Und dabei setzt der Blick auf die menschenleeren Bilder beim Betrachter Assoziationsketten in Gang, etwa wenn sich die Gardinen in den Fenstern aufbauschen oder Grünpflanzen hinter geschlossenen Fenstern vorzuquellen scheinen. An die Stelle der Wiedererkennung eines ganzen Gebäudes tritt das Gefühl der Austauschbarkeit der architektonischen Elemente. Gegenüber der spröden Härte der modernen Architektur, die Spellmann bei „Intercontinental“ einfängt, besitzen seine jüngeren Objekte fast schon eine niedliche Note. Denn sie zeigen Fenster und andere architektonischen Details von Gründerzeitbauten des 19. Jahrhunderts. Jürgen Tietz

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