Kultur : KURZ & KRITISCH

Gregor Dotzauer

DISKUSSION

Wahlempfehlung

wider Willen

Braucht Amerika eine weitere Verschwörungstheorie? Gute Frage. Denn die Irrtümer der Bush-Administration liegen so offen zutage, dass sie mittlerweile sogar die Herren im Oval Office öffentlich eingestehen. Während es auf den Schlachtfeldern im Ausland noch gewaltig qualmt und im Inneren vom Kopf her stinkt, empfiehlt sich eine bessere Frage: Braucht Amerika vielleicht schlicht einen neuen Präsidenten? Nur Tina Sinatra darf man sie nicht stellen. Nein, nein, sträubt sie sich bei der Deutschlandpremiere des von ihr mitproduzierten Thrillers The Manchurian Candidate im Kino International , von Politik wollen wir lieber nicht reden. Dabei geht es um hirngewaschene Soldaten im ersten Golfkrieg und einen von seiner Mutter bis ins letzte manipulierten Vizepräsidenten. Jonathan Demmes Remake des Films von 1962 mit Tinas Vater Frank in der Hauptrolle hat das zweifelhafte Glück, nach zwölf Produktionsjahren mitten im US-Wahlkampf aufzutauchen – und das Pech, alle Anspielungen auf Aktuelles entweder nicht gemeint haben zu wollen oder sie im Nebulösen zu belassen. Schaut die teuflische, von Meryl Streep gespielte Senatorin nicht aus wie Hillary Clinton, fragt der Politikwissenschaftler Alan Wolfe, Fellow der einladenden American Academy, auf dem Podium. Das erschrockene Nein ist in Sinatras Gesicht gemalt. Warum haben die Parteien nicht einmal Namen? Um die Angelegenheit universeller zu machen, sagt sie. „Making it post-9/11 was the magic.“ Da ist sie dem eigenen Land zweifellos voraus.

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KLASSIK

Hexenmeister

wider Willen

Gebannt starrt das Publikum auf die Finger, die in irrwitzigem Tempo über die Tasten fegen. Ist das noch menschenmögliche Technik oder schon Zauberei? Einst war es Liszt, der die Grenzen pianistischer Virtuosität ins Dämonische vorschob, heute erobert der chinesische Klavieryoungster Yundi Li mit seiner faszinierenden Fingerfertigkeit die Konzertsäle. Und doch ist der 20-Jährige eher ein Hexenmeister wider Willen: Schüchtern nimmt er seinen Applaus entgegen, fast scheint ihm das Auftreten im ausverkauften Kammermusiksaal etwas peinlich zu sein. Denn Li geht es, anders als seinem Landsmann Lang Lang, nicht um den pianistischen Kraftakt rauschhafter Überwältigung, sondern darum, sich die Romantik Chopins und Liszts im behutsamen Aneignungsprozess zu Eigen zu machen: Die Melodien von Chopins Nocturnes entfaltet er mit unaffektierter Schlichtheit, die Brillianz einer großen Polonaise ist eher kristallenes Beiwerk zum biegsamen Rhythmus und die bizarren Kapriolen des b-moll-Scherzos werden bei Tageslicht beäugt. Selbst in der Tour de Force von Liszts h-moll-Sonate dient die Technik Li eher dazu, die Übersicht zu behalten, für Transparenz und Formklarheit zu sorgen. Der verdämmernde Schluss hat bei ihm nichts Vergrübeltes, sondern wird zur schlichten Wahrheit, dass alle Musik am Ende doch in Stille mündet. Jörg Königsdorf

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OPER

Ödipus

wider Willen

Die Oper Vatermord des taiwanesischen Komponisten Shih, die auf Arnolt Bronnens gleichnamigem Drama basiert, hat ein ödipales Sujet: Walter wird von seinem am Leben gescheiterten Vater terrorisiert. Zärtlichkeit erfährt er nur durch die Mutter. Als der Vater die beiden beim Inzest ertappt, tötet Walter den Tyrannen. Im Saalbau Neukölln inszeniert Kay Kuntze das Werk mit dem Orchester der Kammeroper Berlin als armes Theater. Die Bühne besteht nur aus einem Gerüst mit vier Ebenen, die durch Leitern miteinander verbunden sind. Innere Konflikte tragen die vier Sänger, einschließlich Walters Bruder, auf ihrer jeweiligen Ebene aus. Kuntze schafft über weite Teile eine spannende psychologische Studie über enttäuschte Liebe. Doch dann demontiert er intensive Momente durch Effekte wie Filmprojektionen oder spritzendes Blut. Dirigent Peter Aderhold brilliert dagegen als Triebkraft der dichten, expressiven Musik Shihs. Auch Countertenor Tim Severloh überzeugt als mal hysterischer, mal lyrischer Walter und Regina Jacobi beeindruckt mit einem warmen, beseelten Mezzo, der ihre mütterliche Verzweiflung im Mark spüren lässt. Einen soliden Bariton bringt zudem Hans Gröning (Bruder) zu Gehör. Nur Bass Andreas Sommerfeld hält wegen Unsicherheit die dramatische Spannung nicht. (Bis Sonntag). Ramon Mirfendereski

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