Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Ein Riss

durch die Welt

Mord und Totschlag in Verona. Aber keine Hoffnung für die Liebe. Auch für Romeo und Julia nicht – Manuel Schöbel baut Shakespeares Tragödie in einer Welt auf, die sich in schrillen Äußerlichkeiten gefällt. Der gnadenlose Machtkampf der Familien Montagu und Capulet geht im carrousel -Theater an der Parkaue groß und prächtig vonstatten – auch Modegrößen der Gegenwart gehören zum Gefolge. Hinter der Pracht aber lauert Entsetzen – der kleine Krieg der Clans hat die Stadt zerrissen.

Frank Prielipps Bühne durchzieht eine tiefe, wie durch ein Erdbeben entstandene Kluft. Auf dem gespaltenen Platz wird paradiert und aufmarschiert, gekämpft und gefeiert. Die Alten üben sich in steifen Eitelkeiten, die Jungen gelüstet es nach Rauferei und Blutvergießen. Romeo und Julia gehören in verstörender Weise dazu, und sind doch anders. Erst die Liebe zueinander, der Schritt über den Riss, reißt sie aus Langeweile, Überdruss, Naivität heraus. Schöbel kommt es auf die gefährliche Künstlichkeit einer in sich selbst vernarrten Gesellschaft an, die kein Verbrechen scheut und kein reines Gefühl mehr kennt. Trotzig werden Gesang und Tanz, vor allem aber Gefechte Mann gegen Mann aufgeboten. Und Romeo (Ilja Schierbaum) und Julia (Johanna-Julia Spitzer)? So recht glaubt der Regisseur an die große, alles verzaubernde Liebe nicht. Die beiden jungen Schauspieler bleiben spröde, und so sehr der Verzicht aufs romantisch Schmiegsame gewollt sein mag, tiefe Erschütterung findet nicht statt (wieder am 23., 25., 26. Oktober, 18 Uhr).

* * *

FILM

Ein Erbe,

schwer wie Beton

Er war einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts – und eine schwierige Persönlichkeit. Er hatte drei Frauen, die nichts voneinander wissen durften – und mit jeder ein Kind. Das ist der Stoff, aus dem man einen Spielfilm machen kann – oder aber einen Dokumentarfilm. In diesem Fall gewinnt er seine besondere Eindringlichkeit daraus, dass es der lange verleugnete Sohn ist, der sich auf die Suche nach dem Vater macht.

Nathaniel Kahn , heute 41, hat mit My Architect. A son’s journey einen Film sowohl als Regisseur wie auch als Hauptdarsteller gedreht. Immer wieder fängt die Kamera berührende Szenen ein, wenn der Sohn Freunde und Kollegen seines 1974 auf der New Yorker Penn Station an Herzinfarkt verstorbenen Vaters Louis I. Kahn mit seiner eigenen Existenz konfrontiert. Die Suche nach der Familie, die der traumatisierte Sohn vermisst, folgt dramaturgisch der Chronologie der väterlichen Bauten – und die sind ein gewichtiges, auch bedeutungsschweres Erbe, gebaut aus Stein und Beton, entworfen nach tiefgründigen Regeln. Nicht immer gelingt Nathaniel Kahn in seinem knapp zweistündigen Film der Spagat zwischen Seelenleben und Architekturdokumentation. Manche Bauten werden beiläufig abgefilmt, andere penetrant in untergehender Sonne inszeniert. Die Sprache einer „zeitgenössischen Archaik“, die Louis Kahn in seinem reifen Werk gesucht hat, teilt sich im Film erst – dann aber grandios – in seinem letzten, von ihm nicht mehr fertig erlebten Werk mit, dem Parlamentssitz von Dhaka in Bangladesch. Die Weisheit des indischen Subkontinents, ausgesprochen von einheimischen Baumeistern, versöhnt den Sohn mit seinem Schicksal. Das ist bewegend mitzuerleben. Nur schade, dass darüber die architektonische Jahrhundertleistung Kahns in den Hintergrund gerät (in Berlin in den Hackeschen Höfen). Bernhard Schulz

DEBATTE

Ein Vorwurf,

der noch immer schmerzt

Als Außenminister Joschka Fischer vor einem Jahr Salomon Korns neuen Aufsatzband Die fragile Grundlage. Auf der Suche nach der deutsch-jüdischen „Normalität“ vorstellte, drängte sich halb Berlin im Jüdischen Museum. Bei der Präsentation der deutlich erweiterten Neuausgabe (Philo Verlag, Berlin/Wien 2004, 237 S., 16 €) in der Stiftung Neue Synagoge ging es gesetzter zu. Und das, obwohl sich der in Frankfurt lebende Architekt als neuer Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland in diesem Frühjahr gleich zweimal ungewohnt scharf zu Wort gemeldet hatte: Als Lettlands ehemalige Außenministerin Sandra Kalniete bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse die sowjetische Besatzung ihrer Heimat mit dem NS-Terror verglich, konterte Korn mit dem Verweis auf die Kollaboration zehntausender Letten beim Völkermord der Nazis. Dem Sammler Friedrich Christian Flick hingegen warf er vor, mit der öffentlichen Schaustellung von Kunst das „Blutgeld“ aus dem Erbe seines Großvaters Friedrich Flick, „reinzuwaschen“.

Nun kann man, neben den bereits bekannten, teils sehr persönlichen Texten, auch die aktuellen Streitschriften noch einmal nachlesen. Besonders in Sachen Flick wird die Zielrichtung von Korns Kritik dadurch klarer. Nicht der Sammler, dem freilich „die Würde des Verzichts“ bis zuletzt offen gestanden hätte, sondern die Stiftung Preußischer Kulturbesitz trägt seiner Meinung nach die politische Hauptverantwortung für die Ausstellung und die mit ihr verbundene Diskussion. Michael Zajonz

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