Kultur : KURZ & KRITISCH

Christina Tilmann

KUNST

Mut zur

eigenen Meinung

Christoph Schlingensief hat einmal vorgeschlagen, eine Stiftungssumme der Deutschen Bank in Banknoten vom Dach des Reichstags wehen zu lassen – die Aktion wurde abgesagt. Zwei Künstler plakatieren Protestaufrufe zur Flick-Collection. Und der Berliner Kirchenstörer Christian Arnold ist inzwischen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Subversive Handlungen im öffentlichen Raum, die sich, mal mehr, mal weniger, auf den Kunstcharakter der Aktion berufen.

Neu ist das nicht: Die sehenswerte Ausstellung legal/illegal in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Kreuzberg (Oranienstr. 25, bis 28. November, täglich 12 bis 18.30 Uhr, Katalog 17 €) zeigt die Vorbilder: im Guerilla-Theater von Abbie Hoffman und Jerry Rubin, die 1971 Dollarscheine von der Zuschauertribüne der New Yorker Börse werfen und das Geschäft damit zum Erliegen bringen. In den Situationisten Michael Mourre, Serge Berna und Ghislain de Marbaix, die 1950 den Gottesdienst in Notre-Dame de Paris stören und verhaftet werden. In Protestaktionen von Beate Klarsfeld, Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel oder Noel Godin, der Personen des öffentlichen Lebens mit Sahnetorten bewirft.

Das muss nicht immer kriminell oder gezielt politisch sein – manchmal sind die Aktionen auch einfach von sinnfreier Poesie und treffen trotzdem. Wie bei der Gruppe p.t.t.r. – einer von ihnen, Hans Winkler, ist Initiator der Ausstellung – , die 1996 für eine Nacht die amerikanische Freiheitsstatue in rotes Licht tauchen. „Die meisten Aktionen bewegen sich in der Grauzone zwischen Recht und Unrecht“, so Mitorganisatorin Helen Adkins. Vor allem geht es darum, Mut zur eigenen Meinung zu beweisen. Auch das eine Kunst.

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GESCHICHTE

Suche nach dem

Schönen und Nützlichen

Der Name Friedrich Naumann ist heute nur noch durch die gleichnamige FDP-Stiftung präsent. Dabei war Naumann (1860 bis 1919) in seiner Zeit ein viel gelesener Sachbuchautor und bekannter Politiker. Mit der Gründung der „Staatsbürgerschule“ legte er zudem die Grundlagen für die politische Bildungsarbeit in Deutschland. Eine Ausstellung der Friedrich-Naumann-Stiftung und des Deutschen Werkbundes zeichnet in der Wandelhalle des Berliner Abgeordnetenhauses die Lebensstationen des christlich-sozial geprägten Pfarrerssohnes nach (bis 29. Oktober). Aus einer konservativen Familie stammend, entwickelte Naumann nach 1900 eine zunehmend liberale Haltung. Noch kurz vor seinem Tod 1919 wurde er zum Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei. Daneben befasste sich Naumann auch mit Kunst. Mit Blick auf die Eisenbauten der Berliner Gewerbeausstellung 1896 notierte er: „Jetzt gilt es, für jede Aufgabe die Grenzen des Schönen und Nützlichen neu zu finden.“ Da war es nur konsequent, dass Naumann gemeinsam mit seinem Mitarbeiter, Freund und Biografen, dem späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss, 1907 zu den Mitbegründern des „Deutschen Werkbundes“ zählte. Jürgen Tietz

POP

Reise ins Innere

der Songs

Leute, die länger durchhalten, muss man gelegentlich neu vorstellen: Terry Callier gehört in die Reihe jener großen Musiker, die durch ihr Tun die Grenzen der Kunstform hinausschieben, manchmal sogar überwinden. Bereits mit seinem Debüt „New Folk Sound“ von 1968 hat der Mann aus Chicago eine Musik kreiert, die die narrative Form des Folk mit der Spiritualität des Jazz zusammenbringt. Dabei ist er immer ein Geheimtipp geblieben: the Lost Hero of Soul. Erst eine Wiederentdeckung durch die britische Acid- Jazz-Szene in den Neunzigerjahren ermöglichte Callier den Sprung zum gefeierten Entertainer, dessen musikalisches Konzept noch längst nicht verbraucht ist.

Das Konzert im Quasimodo gehört erwartungsgemäß zum Anrührendsten und Wunderbarsten, was einem unter der Bezeichnung Pop vorgeführt werden kann. Milde und souverän schlägt der 59-Jährige das Publikum in seinen sanften Bann, mit feingestrickten Balladen und mitreißenden Uptempo-Nummern, die von seiner Rhythmusgitarre und einer ausgezeichneten Backing-Band getragen werden. Ein bisschen Latin, ein Blues für Billie Holiday, perfekt, ohne großspurige Einzelleistungen harmonisch um Calliers Stimme gerankt, der uns einen lyrischen Strom poetischer Verse schenkt, die eher dahingleiten, als das sie an eine Phrasierung gebunden sind. Man muss einfach hören, wie er seine Stimme dehnt und streckt, so in sich geht, das aus jedem Song eine persönliche Botschaft wird, um im nächsten Moment in einen ekstatischen Scat-Gesang oder skurrilen Jodler abzukippen, der dem Song eine neue Bedeutung gibt: Jazz My Rhythm & Blues. Volker Lüke

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HÖRBUCH

Begegnung mit einer

Seelenverwandten

Hannelore Elsner ist wohl die beste Besetzung für Bettina von Arnim, die im 19. Jahrhundert für die Rechte der Frauen kämpfte und zugleich die Herzen der Männer eroberte. In tiefer Zuneigung zur poetischen Sprache der Schriftstellerin liest die Schauspielerin im Hörbuch In einem Weltmeer von Harmonie (Deutsche Grammophon) aus ihren Briefen, die von der Begegnung mit Ludwig van Beethoven erzählen. Den Komponisten erweckt Pianist Sebastian Knauer zum Leben. In Beethovens „Sturm“-Sonate zeichnet er in den Largo-Passagen eine in sich ruhende Natur nach, ohne die Konturen der Töne zu verwischen, und erweist sich im Allegro als virtuoser Herrscher über die tosenden Winde. Knauer hat eine brillante Technik, die ihn selbst die halsbrecherischen Läufe der „Mondschein“-Sonate bestehen lassen.

Während Knauer sich dem elegisch fließenden Klavierspiel hingibt, findet Hannelore Elsner unkonventionelle Färbungen für die Worte der Schwester von Clemens Brentano und verleiht den Texten so eine neue wahrhaftige wie geheimnisvolle Note. Die Elsner braucht keine manierierte Sprache, um sich der romantischen Epoche zu nähern. Sie besticht durch ihre Natürlichkeit und ihr warmes Timbre. Ramon Mirfendereski

KLASSIK

Dialog der

feinen Stimmen

Schöne Idee, einen Klarinettisten im Chorkonzert als Kontrastmittel einzusetzen. Hört man doch den Klang der menschlichen Stimme nach einem instrumentalen Intermezzo wieder neu und frisch. Und wenn der Klarinettist dann noch Wenzel Fuchs heißt, kann das der Höhepunkt des Abends werden. Er verleiht Messiaens „Abîme des oiseaux“ genau jene biegsame Intensität aus in sich ruhender Körper- und Atemspannung und vitaler Gestik, die dieses Stück zu einer Ikone der Klarinettenliteratur macht. Manches, was der RIAS Kammerchor im Kammermusiksaa l zu bieten hat, wirkt dagegen etwas blass. Sicher, Poulencs „Un Soir de Neige“ und Frank Martins doppelchörige Messe bieten den Choristen unter Daniel Reuss Gelegenheit, ihren extrem präzisen, vibratoarmen Klang zu demonstrieren. Nur etwas zu perfekt wirkt das Ganze, man gewinnt den Eindruck, die Stücke sind für den Chor fast zu leicht. Aber Reuss tut gut daran, sie neutral für sich stehen zu lassen. Dokumentiert er damit doch auf sehr ehrliche Art die Probleme, die den Werken anhaften: Dass nämlich die klassisch-moderne Kompositionsweise, der sich Poulenc und Martin um 1940 bedient haben, für die Darstellung religiöser Entrückung keine adäquate Ästhetik bot. Auch Messiaen war damals noch auf der Suche nach einer neuer Musiksprache, wie seine frühe, ganz in warmer Homophonie gehaltene Motette „O sacrum convivium“ zeigt. Wenige Jahre später sollte er fündig werden. Ulrich Pollmann

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