Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP-MUSIK

Diese Ehe

beflügelt

„One-two-three-four“, schon hat Diana Krall den ersten Song eingezählt. Rasantes Tempo. Swingender Bebop. Und die Mitmusiker bekommen großzügigen Raum zur gemeinsamen, solistischen Entfaltung. Flink und jazzfingrig rast der Gitarrist übers Griffbrett. Dazu ein Kontrabass mit goldgelber, trockener Herbstwärme. Und ein Drummer, der mit sachten Besen quirlt. Klingt gut. Songs von Mose Allison, George Gershwin, Irving Berlin. Und schnell wärmen die Instrumente und die Stimme der engelsblonden Pianistin am Flügel den großen Saal des ICC, lassen dessen nüchterne Unwirtlichkeit vergessen.

Auf sieben Alben hatte Diana Krall bisher Songs in der Gefolgschaft von Billie Holiday und Ella Fitzgerald interpretiert. Auf „The Girl In The Other Room“ stellt die 40-jährige Kanadierin nun erstmals eine Reihe eigener Kompositionen vor, gelungene Kollaborationen mit dem frisch angetrauten Gemahl Elvis Costello. „Abandoned Masquerade“ ist im Konzert noch langsamer, noch ruhiger als auf dem Album. „Temptation“ von Tom Waits ist weniger Jazz als düster schräger Tango. Diana greift mit der linken Hand von oben in den Steinway, dämpft und reißt die Saiten mit den Fingern. Erstaunliche Klänge. Und Boogie, Blues und Bossa. „Almost Blue“ bleibt auch in Kralls Deutung Costellos schönster Song. Und das rührende „Departure Bay“ verbindet Verlust und Trauer um die kürzlich gestorbene Mutter mit einem optimistischen Blick in die Zukunft, gemeinsam mit Elvis Costello.

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THEATER

Die alte Frau

und der Tod

Sechs Zuschauer betreten einen Wohnwagen. Eine alte Frau (Mathild Reuter) steht dort regungslos am Fenster und schaut hinaus. Die Zuschauer gehen an ihr vorbei und nehmen auf gepolsterten Bänken an einem Esstisch Platz. Kurz darauf dreht sich die alte Frau um, bewegt sich in Richtung Esstisch und setzt sich hin. Stille. Bald klopft es an der Tür. Eine junge Fahrradkurierin (Isabelle Stoffel) betritt den Wohnwagen. „Ich kenne Sie nicht“, sagt die alte Frau. Vor ihr steht der Tod, der sie holen will. Pamela Dürr hat das dreißigminütige Stück „Caravanes“ geschrieben und für die Sophiensäle inszeniert (bis 31. Oktober).

Ihre Geschichte erzählt sie mit irrationalen Momenten. Mal spricht die alte Frau Worte unvermittelt in den Raum, mal vollzieht die Fahrradkurierin skurrile Bewegungen. Auch der Dialog zwischen den beiden Darstellern nimmt surreale Züge an: Die betagte Frau projiziert ihre Identität auf die junge und erkennt sich in ihr. Der Wohnwagen steht dabei für einen mentalen Ort, an dem sich die Erinnerungen eines langen Lebens vereinen und sich Raum und Zeit auflösen. Die fehlende Rampe und die Enge des Raumes lösen eine große Intimität aus, die das Publikum in die Gedanken der alten Frau eintauchen lässt. Die Zuschauer werden Teil ihrer Geschichte. Dass die Spannung niemals kippt, liegt an der Mimin Mathild Reuter. Sie spielt minimalistisch, aber tief bewegt. Wunderbares Raumtheater! Ramon Mirfendereski

ARCHITEKTUR

Lass’ den

Fachmann ’ran

Wer sich ein Heim bauen will, hat die Qual der Wahl. Die Alternative zu den Katalogen der Fertighaushersteller ist der Weg zu den Architekten selbst – denn die haben in den letzten Jahren, angetrieben durch die lahmende Bauwirtschaft, den Einfamilienhausmarkt für sich wiederentdeckt. Unter dem Titel „10 unter 1000“ präsentiert die neu eröffnete Galerie des Bundes Deutscher Architekten (BDA) eine Auswahl von Wohnbauten, deren Baukosten unter der magischen Grenze von 1000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche liegen (Mommsenstraße 64, bis 26. November) . Die Ausstellung macht deutlich, dass gut und günstig beim Hausbau keineswegs ein Gegensatzpaar bilden müssen. Der große Vorteil solcher „Architektenhäuser“ liegt darin, dass sie individuell auf die Lebensbedingungen der Bauherren und auf ihr Budget zugeschnitten sind und in ihrer Gestalt Bezug auf die Gegebenheiten des Ortes nehmen. So haben Augustin und Frank in Falkensee nicht nur ein Wohnhaus errichtet, sondern zugleich das Tonstudio des Bauherren. Das schöne, holzverkleidete Wohnhaus Melle, das Kirsten Schemel in Osnabrück verwirklicht hat, steht auf einem zuvor als unbebaubar geltenden Grundstück, während das kleine Haus am Grimmnitzsee von Modersohn und Freiesleben ein Beispiel dafür gibt, wie sich moderne Architektur poetisch in die Landschaft einfügt. Jürgen Tietz

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POESIE

An ein Hotel war

damals nicht zu denken

Ein Gedicht des Russen Aleksej Purin. „Artikel für das Archiv", heißt es – oder doch eher „Memorandum“? Die Übersetzerinnen, Sylvia Geist und Sabine Küchler, sind sich nicht einig. Auch wie es weitergeht, klingt in den beiden Versionen sehr verschieden. „Wo jetzt das Hotel steht, da waren die Schuppen“, lautet der eine Vorschlag. „Du weißt schon, Dampfbäder mit Bierschwemme / und seifig verrottendem Müll, wohin es auch ging / nachts durch die Kälte, durch Flure, endlos / entlang an beschlagenen Kacheln“. Der andere: „An ein Hotel war damals noch gar nicht zu denken, es gab / Bestenfalls Bretterverschläge, Dampfbäder mit fließend Bier / Und seifig verkrustendem Müll in den Ecken. / Hierher führte man dich in den Nächten durch bissige Winterluft / Hinein in ein Labyrinth feuchter Gänge.“ Doch genau diese Unterschiedlichkeit macht einen besonderen Reiz dieser „Gedichte aus Russland“ aus, die sechs jüngere Lyriker präsentieren.

Leb wohl lila Sommer erscheint als 16. Band der bisher von Gregor Laschen in der edition die horen verantworteten Reihe „Poesie der Nachbarn“ – und zum ersten Mal im Heidelberger Wunderhorn Verlag mit dem künftigen Alleinherausgeber Hans Thill im Schlepptau (197 S., 19,80 €). Er präsentiert die Ergebnisse einer Werkstatt im Künstlerhaus Edenkoben, mit dem drei der sechs Dichter zusammen mit den beiden Herausgebern und dem Berliner Lyriker Jan Wagner gerade durch die Republik touren. Heute um 20 Uhr stellt sich Purin zusammen mit seinen beiden Kolleginnen Vera Pavlova und Olga Martynova im Berliner Literaturhaus vor. Gregor Dotzauer

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