Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK (1)

Weltstar,

irdisch

Selten waren sich Deutschlands Musikkritiker so einig: Als Martin Stadtfeld vor etwa einem halben Jahr sein Debütalbum mit Bachs „Goldberg-Variationen“ veröffentlichte, ging eine Welle der Begeisterung durch die Feuilletons, der „Spiegel“ erklärte den 23-jährigen Pianisten zum „Weltstar aus dem Westerwald“ und verglich ihn mit Glenn Gould. Seither tourt der smarte Schwabe durch Talkshows und Konzertsäle. Soeben bekam er zudem den prestigeträchtigen „Echo Klassik“-Preis als Nachwuchskünstler des Jahres verliehen.

Stadtfelds Berlin-Debüt im Kammermusiksaal rückt, ebenso wie sein gerade erschienenes Folgealbum „Bach pur“ (Sony), die Dinge wieder ins rechte Licht: Schon der Start mit Bachs c-moll-Fantasie zeigt zwar Fingerfertigkeit, aber auch einen bestürzenden Mangel an Gestaltungskraft und Anschlagskultur. Statt frei schweifenden Geistes und barocker Theatralik bietet Stadtfeld nur knöchernen Mechanismus, absolviert Notenreihen ohne Ziel und Sinn. Auch die zweistimmigen Inventionen sind kaum mehr als kreuzbraver Klavierstunden-Bach in High-Speed-Variante. Dass er sich nach der Pause an Liszts H-Moll-Sonate wagt, ist mutig: Erst vor einer Woche hatte der chinesische Wunderpianist Yundi Li am gleichen Ort das Werk hellsichtig transzendieren lassen. Mit Stadtfeld kehrt es zurück in die Übungszimmer deutscher Musikhochschulen: In Wechselbäder von enervierendem Tastengedonner und vergrübelter Attitüde getaucht, rückt das Stück in die Nähe einer Karikatur romantischer Virtuosität. Das mit dem Weltstar sollte sich der „Spiegel“ nochmals überlegen.

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THEATER

Auch die Fragen des Lebens

bleiben unbeantwortet

Vor fast genau 30 Jahren, am 18. November 1974, fand das Richtfest statt, mit dem der Palast der Republik der Öffentlichkeit übergeben wurde. Wenn der Schweizer Regisseur Ruedi Häusermann nun mit „Richtfest. Erste öffentliche Begehung“ eine Führung durch den Palast inszeniert (bis 1. November), dann setzt er dem Abbruch-Beschluss seine historisch begründete Aufbau-Fantasie entgegen. Der Rohbau-Zustand legt diesen Blick zurück in die Zukunft nahe. So kommen eine doppelte Zeitrechnung und eine doppelte Lesart ins Spiel. Jede architektonische Erläuterung wirkt doppelbödig. Wenn ein Laienchor singt, „Lass den Sonnenschein herein“, dann werden die Hoffnungen auf eine strahlende Zukunft sogleich widerlegt. Durch die ständige Wiederholung erfährt das Liedchen zudem eine reale Abnutzung. Historische Distanzen werden ins Räumliche übersetzt. Von weit her hallen Chor und Propaganda, die Pianistin am weißen Klavier muss man sich im Fernglas anschauen.

Mit Akribie beißt Häusermann sich an Details fest und erweist sich darin als Spezialist für das Real-Absurde. Sepp Bierbichler als Bauleiter ist (neben Armin Dallapiccola und Mieke Schymura) die tragende Säule dieses konstruktiv-subversiven Unternehmens. Einer, der fest dasteht, wann alles schwankt – und jedes ideologische Gebäude zum Wanken bringt. Sein Exkurs in Volkswirtschaft: mehr Murx als Marx. Der Aufbauhelfer wird zum Dadaisten, wenn er doziert, dass dieses Gebäude die anwesenden Menschen zu mehr als zu bloßer Anwesenheit anregen soll. Hier sollen sie Antworten finden auf die zwei angeblichen Grundfragen der Moderne: „Wie verdiene ich Geld? Wie erringe ich Liebe?“ Daran laborieren wir bekanntlich immer noch. Sandra Luzina

KLASSIK (2)

Rundfunk,

altgedient

Die Stiftung Berliner Philharmoniker realisiert mit DeutschlandRadio eine Konzertreihe „Die deutschen Rundfunk-Sinfonieorchester in der Berliner Philharmo nie“ . Nach Gästen aus Frankfurt am Main und München kommt nun das MDR Sinfo nieorchester Leipzig mit dem sonderbaren Effekt, dass ein A-cappella-Stück den Höhepunkt des Abends bildet. Wie das?

Das Programm, mit dem sich die Leipziger unter ihrem Chefdirigenten Fabio Luisi präsentieren, ist eine orchestrale Selbstlosigkeit. Der Bereich Sinfonie erledigt sich mit der Nr.1 von Franz Schmidt. Obwohl groß besetzt, bleibt das Werk heimelig, in den Choralcharakteren Bruckner-Klischee. Vielleicht könnte es ein Anlass sein, im Agon der Klangkörper mit Schmelz zu punkten. Fakt ist aber, dass die MDR-Musiker das Profil eines altgedienten Rundfunkorchesters tragen und der gefälligen Wiener Romantik damit keinen Gefallen tun.

Während der junge Franz Schmidt (geboren 1874) einen unerschütterlichen Abgesang auf das 19. Jahrhundert hinterlässt, bleibt aus derselben Zeit von dem 80-jährigen Giuseppe Verdi Ahnung der Zukunft: „Quattro pezzi sacri“, sein letztes Wunderwerk, gehört an diesem Abend vor allem dem dynamisch flexibel und linear singenden MDR Rundfunkchor . Der alte Verdi, mit äußerster harmonischer Kühnheit und Experimentierlust – und doch ganz er selbst im „Ave Maria“ für gemischten Chor: Es ist, als ob Desdemona zur Nacht betet. Sybill Mahlke

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AUTOBIOGRAFIE

Auch der Sieg der Liebe

hat ein Ende

Er war Trappistenmönch, ein vom Papst geschmähter Priester, Dichter und sandinistischer Kulturminister in Nicaragua - Ernesto Cardenal hat sein bewegtes Leben in einer umfangreichen Autobiografie aufgezeichnet, deren dritter Band Im Herzen der Revolution nun zum 25. Jahrestag der nicaraguanischen Revolution erschienen ist (Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2004, 303 Seiten, 25 Euro). Den Sturz der Somoza-Diktatur nennt der 1980 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Autor rückblickend einen „Sieg der Liebe“ und schwärmt von der „einzigen Revolution der Welt, die auf Priester in der Regierung zählte“. Doch Cardenal idealisiert nicht nur, sondern benennt auch die Irrtümer der Revolutionsregierung, der er bis zuletzt selbst angehörte: „Die exzessive Bürokratisierung, die fehlende Disziplin, die Präpotenz gewisser Leute, das Fehlen von Rechtschaffenheit, Willkür, Dogmatismen und autoritäre Verhaltensweisen.“ Erfolgreich indes war die Kulturpolitik, die fast ohne finanzielle Mittel historische Leistungen wie eine landesweite Alphabetisierungskampagne oder die populären Dichterwerkstätten hervorbrachte: „Wir wollten, dass das Volk nicht nur Kultur konsumierte, sondern sie auch selbst produzierte.“ Revolution als spannendes kulturelles Ereignis.

Obwohl Cardenal darüber in seinem getragenen, mitunter pathetischen Epigramm-Stil schreibt, sind seine anekdotenreichen Memoiren zugleich ironisch und kurzweilig. Als die Wahlniederlage der Sandinisten 1990 schließlich das revolutionäre Experiment beendete, kam auch Cardenals Poesie zum Erliegen: „Jahrelang hatte ich damit verbracht, die Revolution zu besingen. Was sollte jetzt aus all diesen Gedichten werden?“ Die Antwort liefert Cardenal mit seinem Buch: Nach dem Austritt aus dem FSLN und dem Bruch mit dessen Kadern hat er sich zur kritisch-lyrischen Erinnerung zurückgezogen. Roman Rhode

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