Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Freundschaft

genossen

14 Schauspieler hat das Berliner Theater im Palais für Molières Der Geizige nicht zur Verfügung. Vier schon. Und was die dem Meister an Figurenreichtum nehmen, geben sie ihm an solide holzgeschnitzten, selbst erfundenen Versen und allerlei Liedern und Arien dazu. Barbara Abend zeichnet für die unbedenklich freche Neuheit verantwortlich. Sie heißt Geiz – ein Wucher mit Musik . Das kleine Theater am Festungsgraben wäre dem Wucher unserer unmittelbaren Gegenwart – umschreiben wir es einmal so – im Sommer um ein Haar zum Opfer gefallen. Publikum, Freunde und Förderer aber standen der tapferen Truppe zur Seite – es geht weiter. Und wie! Gabriele Steichhahn, Jens-Uwe Bogadtke, Volker Ranisch und Carl Martin Spengler spielen sich den Frust von der Seele, nicht mit Grimm, sondern mit angriffslustigem Spaß. Unverschämt fröhlich werden die Geldgeschäfte im behänden, anmutigen Wechsel der Figuren vorgezeigt, und die Pointen blitzen, wenn frech Zitierbares aus Oper, Operette, Chanson zwischen und in die Szenen geworfen wird. Ute Falkenau am Klavier leistet Bewundernswertes, macht klassische Kompositionen schmiegsam und empfängnisbereit für die neuen Texte (wieder am 30./31.10. und 6./7.11.).

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KLASSIK

Anders ist

normal

Paganini und Vivaldi zusammen auf einem Podium? Nicht ganz. Aber Janine Jansen, die nach ihrem gefeierten CD-Debüt die „Vier Jahreszeiten“ einspielte und Julian Rachlin, der im TV-Film „Napoleon“ den Paganini mimte, gaben im Kammermusiksaal Aufmerksamkeit erregenden Ersatz ab. Mit dem Programm erlaubten sich die Spectrum Concerts zum 17. Saisonstart einen Hinweis darauf, welche massenwirksamen Kräfte in den Reihen ihrer Kammermusiker wirken.

Einen leichten Sieg konnte und wollte Janine Jansen mit Vivaldis Jahreszeiten-Zyklus dennoch nicht erringen. Unter dem angenehm risikofreudigen Ehrgeiz, die bekannten Konzerte gleichzeitig engagierter, bildhafter und doch kammermusikalischer zu gestalten als herkömmlich, drohte die Musik in Events zu zerfallen. Dennoch war Jansen dem authentischen Vivaldi vielleicht näher, als man glauben mochte, schließlich fasste ein Zeitgenosse seine Eindrücke so zusammen: er surprenierte damit jedermann, allein daß ich sagen soll daß es mich charmirt das kann ich nicht thun weil es nicht so angenehm zu hören als künstlich gemacht war .

Nachdem sich auch der ebenfalls etwas adrenalintrunken wirkende Julian Rachlin an Bachs E-Dur-Konzert die Hörner abgestoßen hatte, fand das Paar im Doppelkonzert BWV 1043 endlich zu kostbaren Momenten selbstvergessener Gelassenheit, wie sie wohl nur beim Musizieren mit und vor vertrauten Freunden entstehen können. Carsten Niemann

FILM

Trau bloß

keinem Gucki!

Im Internat hat die 13-jährige Marie (Ricarda Ramünke) alles im Griff. Da sind ihr Lieblingslehrer Herr Karl (Dominique Horwitz) und ihre beste Freundin Inga (Maria Rother),die sich von ihr die Haare mal grün, mal lila färben lässt. Wie das aussieht, können sich die beiden Mädchen allerdings nur vage vorstellen, denn sie sind blind. Der Welt der Sehenden stehen sie misstrauisch gegenüber: „Trau bloß keinem Gucki“, sagt Inga immer.

Aber Marie wird langsam erwachsen – und wer erwachsen wird, will raus. Noch ist Herr Karl da, der sie bei Ausflügen in die nahe gelegene Stadt beschützt, aber wie soll es weitergehen? Als Herbert (Oleg Rabcuk), der aus Kasachstan stammt, von der Polizei gesucht wird und zurück in seine Heimat will, im Internat auftaucht, versteckt Marie ihn auf dem Dachboden. Ihre erste, vorsichtige Liebe beginnt, und sie stellt fest: Es gibt einiges, das sie besser begreift als so mancher Gucki. Und was sie wirklich will, das schafft sie – wenn auch etwas anders als andere.

Regisseur Bernd Sahlinger und Drehbuch-Koautor Helmut Dziuba erzählen die Geschichte so zart und unsentimental wie Blinde, die mit ihren Fingerspitzen ein Gesicht abtasten. Die Blindgänger ist ein Film mit wunderbarer Musik und ruhigen Bildern – eine Wohltat inmitten der vielen Kinderfilme, in denen es gar nicht laut und schnell genug zugehen kann. Ricarda Ramünke und Maria Rother, die eine fast, die andere ganz blind, spielen, als hätten sie nie etwas anderes getan, ebenso der tatsächlich aus Kasachstan stammende Oleg Rabcuk (in sechs Berliner Kinos). Susanna Nieder

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AUSSTELLUNG

So kann man

das auch sehen

Zwei Frauen und ein Mann, alle drei nackt, posieren grinsend auf einem Ruderboot. Eine Schwarzweißfotografie von 1911. Frauen räkeln sich nackt in einem Bach. Ein Mann, ebenfalls unbekleidet, steht daneben. Eine Aufnahme von 1912. Ungewöhnliche Motive für diese Jahre. Erstaunlich auch, dass die Fotografin eine Frau ist: Katharina Eleonore Behrend , eine der wenigen Amateurfotografinnen ihrer Zeit. 70 der 900 in Alben gesammelten Fotos zeigt die Ausstellung „Fotografien 1904 – 1928. Reise – Porträt – Alltag“ im „Verborgenen Museum“ (bis 12. Dezember, Mi–Fr 15–19 Uhr, Sa/So 12–16 Uhr). Kleinformatige Fotos, oft unterbelichtet – spontane Momentaufnahmen, die einen experimentell-laienhaften Umgang mit dem Fotoapparat erkennen lassen. Der Betrachter taucht ein in das Privatleben einer gutbürgerlichen Familie um 1900. Trotzdem ist das Werk von Katharina Behrend ein kulturhistorisches Dokument. Die Aktfotos, Aufnahmen beim Sport, beim Baden oder am Strand weisen voraus, auf die sich in den 20er Jahren etablierende Freikörperkultur– und Lebensreformbewegung. Katharina Wagner

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