Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

OPER

Was ist ein Mann

ohne Geld

Nun kennen wir sie endlich, unsere Grundrechte als EU-Bürger. Die gibt es nämlich für die Besucher der Oper Neukölln in Form eines briefmarkengroßen Büchleins, gewissermaßen als Einstimmung zur Euphorie . So nennt die junge litauische Autorin Arna Aley ihre Überschreibung des „Dorfjahrmarkts“, eines frühklassischen Singspiels von Georg Anton Benda. Benda erzählt von einem jungen Mann, der in die Fänge eines Militäranwerbers gerät, und, schon die Trennung von seiner Liebsten vor Augen, von einem Adligen gerettet wird.

Eine typisch bürgerlich-frühaufklärerische Thematik, die Arna Aley in die Gegenwart versetzt. Bei ihr kommt das junge Paar aus Osteuropa, und versucht, bei der Erweiterungsfeier vorm Brandenburger Tor etwas Geld zu verdienen. Zwei zwielichtige Gestalten bedrängen sie. Die gesprochenen Texte hält die Autorin modern, Themen wie Prostitution und Heiratsvermittlung klingen an. Dazwischen gruppiert Arna Aley Bendas Arien. „Kauft doch was!“ singt Dana Hoffmann verzweifelt-kokett, während Martin Netter erfahren muss, dass ein Mann ohne Geld im Westen nicht viel gilt, besonders bei Frauen. Heiner Frauendorf gibt am Rand der Szene den armen Akkordeonspieler, geschickt arrangiert er Bendas Musik. Die klingt natürlich etwas harmlos, aber gerade die Mischung der historischen Ebenen lässt diese Produktion letztlich gelingen – auch durch überzeugende Darsteller.

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KABARETT

Was ist eine Frau

ohne Blond

Am Anfang will sie ihn loswerden: Doch bevor jemand aus dem Publikum seinen „inneren Richard Clayderman“ entdecken kann, hat sich der unliebsame Pianist schon aus der versperrten Umkleidekabine befreit. Und dann spielen „Sybille und der kleine Wahnsinnige“, Sybille Hein und Falk Effenberger , in der Kalkscheune doch wieder mit- und gegeneinander. Ihr neues Programm Bis einer weint ist eine furiose Melange aus Verzagtheit und Größenwahn, Verführung und Mädchenblick, keckem Auftrumpfen und tiefster Melancholie. Was für Figuren! Da sind rivalisierende Brautväter, die kurz vor der entscheidenden Schlacht auf der Herrentoilette noch rasch die Hochzeitsrede durchgehen – „Optima prima fere manibus rapiuntur avaris“: Das Beste wird immer zuerst von gierigen Händen geraubt.

Das „Märchenlied“ wird über der Frage unterbrochen, ob eine Prinzessin, wenn sie auf den Ritter wartet, runzelt oder „knospt“. Und vergnüglich sinnieren die Kabarettistin und ihr Pianist über den weiblichen Realitätsumfang, den Reiz des Reims und „Kollegenklatschen“, das gut aussehen soll, „aber keine Geräusche machen!“ Mal ruscht Sybille Hein auf dem Klavier umher, mal hockt sie mit Stummfilmgesicht davor. Falk Effenberger hält dagegen und gibt den zarten Pianisten mit Schlagerstimme von bisweilen ungeahnter Boshaftigkeit, mit der er auf „Bille“ und „Grabesstille“ ein Liedchen anstimmt. Doch wäre sie ohne ihn nicht nur „ein wehendes Blond?“ Ein irrwitziger Abend zwischen Kabarett und Chanson. Katrin Kruse Wieder am 9./10./11. Dezember im Kookaburra Comedy Club.

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