Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Wie die Zeit verfliegt,

wenn man sich vergnügt

Bei dem jungen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui vom belgischen Kollektiv Les Ballets C. de la B. ist bereits die Besetzung ein politisches Statement. Sein Ensemble aus Tänzern und Musikern spricht, singt und schimpft in den unterschiedlichsten Sprachen, vereint die verschiedenen Hautfarben und wird so zum Versuchslabor einer multikulturellen Gesellschaft. Verglichen mit seiner Produktion „Foi“, die unter dem Eindruck des Irak-Kriegs entstand, geht es in dem neuen Stück Tempus Fugit überraschend friedlich zu.

Die weiß gekleideten Musiker des Ensembles Whesm demonstrieren den Brückenschlag zwischen islamischer und westlicher Kultur. Sie produzieren einen so sanften Ethno-Sound, dass sich eigentlich alle an den Händen fassen könnten, um zusammen zu tanzen und zu musizieren. Doch Cherkaoui hat kleine Rangeleien und harmlose Rempeleien eingestreut. So amüsiert wie begeistert kann der Zuschauer im HAU zudem verfolgen, wie die Performer sich fremde Kulturtechniken aneignen. Da stürzen sich alle auf den indischen Tanz, als läge darin das Heil. Schütteln sich zu afrikanischen Rhythmen. Finden wunderbar zusammen bei den altitalienischen polyphonen Gesängen. Werden bei einem französischen Volkslied immer wieder unterbrochen von einem Pedanten, der auf die korrekte Aussprache pocht.

Doch unseligerweise sollen dann auch noch die Unterdrückten und Entrechteten dieser Erde ins Spiel kommen. Wenn aber eine Vollblut-Komödiantin wie Lizi Estaràs das Joch der verschleierten islamischen Frau verkörpern soll, wird das zur Witznummer. Dem Ensemble gelingen immer wieder mitreißende Momente und poetische Bilder. Wo Cherkaoui sich aber am politischen Kommentar versucht, ist sein Stück aber von bedenklicher Naivität.

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MALEREI

Größe ist

nicht entscheidend

Eva reicht Adam den Apfel der Erkenntnis. „Cox Orange“ heißt das Gemälde. Ein Bild weiter frisst eine Riesenschlange Menschen, gegenüber stürzt ein schwarzer Engel vom Himmel herab. An Aktion mangelt es ihnen nicht, den neuen Acrylbildern von Helge Leiberg – über 20 monumentale Formate sind in der Nikolaikirche zu sehen (bis 9. Jan., Di-So 10-18 Uhr).

Der 1954 in Dresden geborene Leiberg verließ in den Achtzigerjahren die DDR in Richtung Westen und folgte darin seinem fünfzehn Jahre älteren Maler- und Musikerfreund A.R. Penck. Beide verbindet auch die flüchtige Malweise und die zeichenhafte Reduktion ihrer Menschenfiguren. Leiberg ließ früh seine Faszination für Free Jazz und Tanz in malerische und skulpturale Arbeiten einfließen. In den vergangenen Jahren überzeugte er mit Malperformances zu Texten von Shakespeare oder Christa Wolf. Enttäuschend dagegen die aktuellen Riesenformate. Die großen Flächen sind malerisch nicht bewältigt, Figur und Grund kleben wie beziehungslos übereinander. Ausverkauf des Expressiven. Da hilft auch das Aufladen mit christlicher Symbolik nichts. Leiberg handelt mit Todsünden, göttlichem Zorn, Demut und Fegefeuer – und kommt nicht über Bibel-Illustration hinaus: Seine „Versuchung“ spannt drei hastig gemalte Figuren in ein gefängnisartiges Gitter, sein „Opfer“ reiht sich in zahllose Pietà-Szenen der Kunstgeschichte ein. Nichts Neues hängt da zwischen den Pfeilern der spätgotischen Nikolaikirche – jede bröckelnde Inschriftplatte des ständigen Inventars weiß mehr zu erzählen. Jens Hinrichsen

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