Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Das Berlinische

in den Bildern

Es gibt Museen, die bauen, und solche, die ausstellen. Und leider auch genügend Institute, die erst einmal bauen müssten, um richtig ausstellen zu können. Dazu gehört die Stiftung Stadtmuseum Berlin, immerhin Deutschlands größtes Kommunalmuseum. Ihre Umbauprojekte kommen seit Jahren nicht voran. Und weil die Hüllen bröckeln, wird die darin etwas planlos verteilte Fülle gern übersehen. Welche Schätze dazu zählen, lässt nun die im Ephraim-Palais (bis 9. Januar) präsentierte Ausstellung Zeichenkunst aus drei Jahrhunderten ahnen: 64 Künstler; 100 Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle. „Nur“ eine Auswahl aus eigenen Beständen, aber was für eine.

Das Stadtmuseum sammelte lange allein unter kulturhistorischen Prämissen, künstlerische Meisterschaft war nicht gefordert. Umso erstaunlicher, in welcher Qualität Ursula Cosmann , die scheidende Leiterin der Graphischen Sammlung, die bürgerliche Kunstgeschichte Berlins vorführen kann. Um zeichnende Zentralgestirne des 19. Jahrhunderts wie Schadow , Schinkel , Menzel kreisen ebenbürtige Satteliten. „Ich habe nach Gemälden wenig, nach Gips etwas, viel mehr nach der Natur gezeichnet,“ fasste ihr künstlerischer Ahnherr Daniel Chodowiecki sein ästhetisches Credo zusammen. Porträt, Stadtlandschaft, Karikatur waren Eckpfeiler eines prosaischen Berliner Weltbildes, das ohne Weichzeichner auskam und deshalb idealistischen Zeitgenossen wie Goethe ärmlich erschien. Doch hier irrte der Olympier, der nüchterne Wirklichkeitssinn, der trockene Humor, kurz: das „Berlinische“ hielt diese Blätter frisch.

KLASSIK

Das Meerische

in der Musik

Mit Wehmut verabschiedet sich Herbert Blomstedt von seinem Posten als Gewandhauskapellmeister. Wenn der 77-Jährige mit seinem Leipziger Orchester und Brahms in der Philharmonie gastiert, dann spürt man, wie kostbar dem Dirigenten jeder Takt des gemeinsamen Musizierens ist. Auch bemerkt man, wie gut dem Gewandhausorchester die Zusammenarbeit mit Blomstedt getan hat – nach 26 Jahren unter Kurt Masur. Und wie gut gerüstet die Musiker im nächsten Jahr auf Riccardo Chailly treffen, der dem Traditionsorchester neue Blickwinkel auf Klassik und Moderne eröffnen wird.

Blomstedts Brahms zeigt noch einmal bewegend, wie genau dieser Dirigent in den Partituren forscht, wie jung dabei seine Neugier geblieben ist, wie generös er seine Musiker ins Spiel kommen lässt. Allein der Streicherklang, mit dem die zweite Symphonie zu wachsen beginnt, ist ein Wunder: dunkel und biegsam, nie nur betörend, sondern klar in seiner Tiefe. Das Brüchige in diesem Klangidyll muss Blomstedt gar nicht forciert herausstellen, dafür dosiert er das harmonische Anschwellen zu genau. Ja, er stößt zu jener unsentimentalen Wehmut vor, die die Welt im Blick behält, unverschwommen, nicht gefangen hinter Gardinen aus Tränen. Wann klang der zweite Satz je folgerichtiger, gefasster, kraftvoller? Mit Hingabe stürzt sich das Gewandhausorchester in die Wellen der vierten Symphonie, liebevoll angestachelt und wieder eingefangen von Blomstedt, der den Gang der Gezeiten, die Wellentäler und Springfluten genau kennt. Ein großer Segler auf dem Meer der Musik. Ulrich Amling

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