Kultur : KURZ & KRITISCH

Uwe Friedrich

KLASSIK

So nobel

und so unterhaltsam

Nur eine Probe billigten die Wiener Philharmoniker einst Bruckners zweiter Symphonie zu, dann lehnten sie das Werk als völlig missraten ab. Bruckner revidierte die Partitur, stellte Sätze um, strich Wiederholungen, überarbeitete die vielen Generalpausen. Die australische Dirigentin Simone Young bevorzugt hingegen die Originalfassung, die sie mit dem Deutschen Symphonie-Orchester nun in der Philharmonie aufführte. Gerade im Finale bleiben jedoch Zweifel, ob Bruckner nicht doch gute Gründe zur Neufassung hatte. Zwar bemüht Young sich um Geschlossenheit der Großform, dennoch zerfällt der Satz in Einzelteile, die kaum noch eine Verbindung eingehen.

Glücklicherweise unternimmt Simone Young keine Zeitdehnungsexperimente, so bleibt die Symphonie dank ihrer rhythmisch federnden Leitung unterhaltsam, gewinnt im Verdämmern des langsamen Satzes auch kontemplative Momente. Das Orchesterspiel ist zwar den ganzen Abend hindurch präzise, bleibt aber seltsam charakterlos. Vielleicht liegt das auch an der Anhäufung musikalischer Plattitüden im Klavierkonzert „Lamentate" von Arvo Pärt. Ganz selten zeigt sich in diesem von Anish Kapoors Monumentalplastik „Marsyas“ nur mäßig inspirierten Werk der Klangmagier früherer Kompositionen. Ebenfalls in nobler Zurückhaltung übt sich der Solist Alexei Lubimov, so dass der Trauergestus nicht recht durchschlug. Der Jubel des Publikums dürfte den anwesenden Komponisten sehr gefreut haben.

* * *

POP

So aufregend

und so schön

Oje, diese groß angelegte Schwerfälligkeit. Echte Hingabe. Doch gleichzeitig an sich haltend. Daran ist nicht zu rütteln. Der Mann mit dem schütteren Haar und der großen Brille ist noch immer eine seltsame Ausnahme im Musikgeschäft: Arto Lindsay , ein moderner Barde, dem selbst der fetzigste Tanzbeat nur als Basis für eine erschütternde Ballade dient. Ein Retter des Sehnsüchtigen in der Musik. Und er spielt nur für uns. Und für sich. Nicht mehr so chaotisch wie Ende der Siebzigerjahre, als er erstmalig im Umfeld der berüchtigten New Yorker Downtown- Szene mit seiner Freistil-Gitarre und überdrehten Stimme auftauchte. Obwohl er bereits damals brasilianische Rhythmen und portugiesische Zeilen in seine lärmigen Kompositionen schmuggelte. Auch nach sechs Solo-Alben ist sein merkwürdiges Repertoire noch nicht aufgebraucht.

Das zeigt auch sein Auftritt im Tränenpalast , bei dem ihm zwei schwarze Musiker den Rücken stärken: Melvin Gibbs am Bass und der durchgeknallte Multiinstrumentalist Micah Gaugh an der Saxtröte, Outer-Space-Keyboards und Soundsampling. Die beiden schaffen ein Bühnenbild für Lindsay, der in den elektronisch vorbereiteten Schüttel- Groove seine Anarcho-Kaputt-Gitarre fallen lässt, die nun im Gegensatz zur Studioarbeit zur freien Entfaltung kommt. Singt dazu mit brüchiger Stimme, fast flüsternd, so wund, lakonisch und danebenher. Sehnsuchtsvolle Songs, betörende Melancholien, aber auch funky stuff und schräg gesetzte Lärmattacken. Eine Musik, die das Sentimentale und die Gelassenheit des Bossa Nova mit urbaner Hektik auf winzigste Distanz zusammenbringt. Irgendwo zwischen New York und Salvador de Bahia. So aufregend, so schön. Volker Lüke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben