Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Die Risse

eines Tempels

Lang vorbei die Zeit der Einstürzenden Neubauten , als noch die Bühne brannte und das Glas splitterte, doch für ein Spektakel sind sie noch immer gut genug. An der Ruine des Palasts der Republik prangt dort, wo einst Hammer und Sichel hingen, das Neubauten-Logo. Im ersten Teil des Konzerts spielen Blixa Bargeld und die Seinen einen Querschnitt durch ihre 25-jährige Geschichte, darunter den Text zum Auftrittsort: „Die neuen Tempel haben Risse/Bald nur noch Ruinen/Einst wächst Gras auch über diese Stadt/Über ihre letzte Schicht.“ Wie immer großartig: Andrew Unruh, der sich einhämmert mit seinen Klangskulpturen. Er ist das Schwungrad, in das sich Bass, Gitarre, Synthesizer und noch mehr Schlagwerk mischen, während Blixastar zwischen dramatischen Überdehnungen und einschmeichelnden Chanson-Techniken herumrutscht. Der zweite Teil beginnt mit Geklöppel auf einem Stahlgeländer. Dann Industrial-Samba mit Bargeld an der Orgel. Da fängt es fast an interessant zu werden. Doch letztlich lassen die Neubauten ihr Material in ein Korsett gezwängt, das ganz auf ihren Frontmann zugeschnitten ist. Dann wieder Radau, der in meditativen Obertongesang mündet. Dazu der Einsatz eines „Social-Supporter“-Chors auf zwei kleinen Bühnen im hinteren Teil des Publikums. Kaum mehr als ein übliches Neubauten-Konzert, zudem mit lausiger Akustik.

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TANZ

Das Double

eines Autors

„Foucault!“ sagte der Mann mit der markanten Brille. „Roland Barthes!" Anfang dieses Jahres gab Jérôme Bel eine Lecture im Hebbel am Ufer , lässig führte er die Gewährsmänner seiner Theatertheorien an. Nun stellt Bel den philosophischen Diskurs auf die Füße, seine szenischen Arrangements müssen in erster Linie gelesen werden. Das gilt besonders für sein neues Stück The show must go on 2 (bis 7.11. im HAU 2). Was sich als Sequel einer Erfolgsproduktion tarnt, ist eine Art Scrabble mit „Bewegungskaraoke“, wie ein Zuschauer anmerkt. Zu Beginn latscht Bel in Cordhosen auf die Bühne und setzt aus Buchstabentafeln den Titel zusammen. Aus dem Vorrat aus 16 Zeichen werden im Lauf des Abends immer andere Worte gebildet.

Dem Tänzer Frédéric Seguette fällt der Part zu, die Wörter zu illustrieren. Eine hinterlistige Verabredung. Jérôme Bel ist der maliziöse Autor und stellt den Darsteller auf die Probe – zum Vergnügen des Publikums. Kündigt erst „Showmen“ an, später „20 Stuntmen“. Seguette, ein Buster Keaton des Tanzes, wird zum wild gewordenen Imitator. Der bald an seine Grenzen gelangt. Bel untersucht, wie tief der Körper in Sprache verstrickt ist. „The show must go on 2“ ist also beides: lustige Sprachspielerei und hintersinnige Etüde über den Autor und sein Body-Double. Sandra Luzina

FILM

Das Temperament

eines Fußgängers

Autobahnen sind schnell. Gerd Kroskes Dokumentarfilm Autobahn Ost (Acud und Filmkunsthaus Babylon) ist langsam. So langsam, dass man ständig hupen möchte. Dabei sind die Autobahnen des Ostens interessant. Denn es gab in der DDR durchaus Autobahnen, was heute mancher bezweifelt. Ihre Transitautobahnen waren die bestkontrollierten der Welt. Autofahren auf ihnen war damals eine langsame, fast meditative Angelegenheit. Vorbei.

Gerd Kroske befragt seine Zeitzeugen – die Autobahn-Erbauer des Ostens, die Kontrolleure und andere – mit dem Temperament eines Fußgängers. In deren Antworten schwingt oft noch jener lächerliche offiziöse DDR-Tonfall, als würden Erwachsene Schülergedichte aufsagen. Diese Selbstherrlichkeit der kleinen Leute in Uniformen. Diese Funtionärchen eines Untertanenstaats. Kroske will nicht urteilen, nicht verurteilen, enthält sich jeden Kommentars. „Autobahn Ost“ will ein Kunstfilm sein. Kunstfilme sind grundsätzlich langsam, leben vom poetischen Fluss. Doch hier geht es um Stillstand, bösen Stillstand. Kerstin Decker

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