Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Ein Sonnenstrahl

im Nebel

Das Wohltemperierte Klavier , sagen die einen mit Hans von Bülow, ist das „Alte Testament“ der Musik (im Gegensatz zum „Neuen Testament“, den 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens): klingendes Menschheitsgedächtnis und -vermächtnis, Echoraum der Utopie. Das wohltemperierte Klavier, sagen die anderen, ist genau das Richtige für einen regenschweren Novembersonntagnachmittag: Die kristalline Ordnung der Dinge hellt jedes herbstliche Gemüt wieder auf, das Wechselspiel von lyrischer Meditation und circensischer Verzückung in den 24 Präludien und Fugen des ersten Buchs, sie macht uns begreifen, dass nichts im Leben und in der Welt und in der Zeit so bleibt, wie es ist. Ein großmächtiger, geradezu herzerwärmender Trost – dem Daniel Barenboim in der Berliner Philharmonie nun noch so gerne und bisweilen in aufregend moderner, unverstellter Manier seine Stimme lieh.

Dass sich Barenboims Bach-Bild weniger von der Exzentrik eines zerrissenen Künstler- Ichs herleitet (wie weiland bei Glenn Gould) und ebenso wenig von mathematischer Unbestechlichkeit, vom sagenumwobenen goldenen Schnitt dieser Musik geprägt ist (wie etwa bei Rosalyn Tureck), war gewiss einerseits zu erwarten – der Musiker Barenboim ist nun einmal ein Fetischist des Augenblicks und kein Konstrukteur. Andererseits raubte einem die Entschiedenheit und Konsequenz seines romantisch-romantisierenden Zugriffs doch auch den Atem. Man stelle sich vor: Barenboim spielt fast drei Stunden lang Bach (und zwar gegen ein ausgesprochen undiszipliniertes, jede noch so kleine Zäsur zum Rascheln und Röcheln nutzendes Publikum!) – und das „Ganze“, der strikt systematische Anspruch dieses Opus summum wird kaum je im Ansatz ruchbar. Wir stehen heute demütiger denn je am Fuß dieses Weltengebirges, so lautet Barenboims Botschaft, und was wir sehen, was wir ahnen, ist selektiv, ein Ausschnitt, ein winziges Stück des Weges nur.

Ehrlicherweise gibt Barenboim auch pianistisch (und aus Noten spielend) nichts anderes vor. Wie oft bei ihm gibt es auch hier Passagen, ja ganze Stücke, die ihn nicht wirklich interessieren – namentlich die schnelleren, aufgekratzteren, vollgriffigeren. Diese verharren gern im einmal gefundenen, flüchtigen Gestus, werden nicht ausgeleuchtet oder „gegengelesen“. Überhaupt bietet Barenboims Bach wenig Härten, weder in der Artikulation noch in der Phrasierung. Das beginnt, wenig verheißungsvoll, gleich mit dem berühmten C-Dur Präludium, das wie hinter Schleiern winkt. Und auch über die Tempi, die dramaturgisch seltsam ungefähr bleiben, ließe sich trefflich streiten.

Wenn Barenboim sich dann aber versenkt, manuell, intellektuell, wie beispielsweise in der grandiosen es-Moll Fuge, dann versenkt er sich tief, und dann ereignet sich erschütterndes, großes Klavierspiel. Dann findet Daniel Barenboim Harmonien und Farben, die uns die Welt aufschließen, die Vergangenes und Zukünftiges durchhörbar machen. Oder dann erhellt wie im Cis-Dur Präludium plötzlich ein rhetorisch glänzend gefasster Sonnenstrahl allen Novembernebel. Glücklich erschöpfte Ovationen. Und noch eine Autogrammstunde.

Daniel Barenboims Einspielung des Wohltemperierten Klaviers (Erstes Buch) ist soeben bei Warner erschienen.

POP

Eine Träne

im Pudelauge

„Ein guter Song ist wie die Träne im Auge eines Pudels, der einen Preis bei einer Weltklasse-Hundeshow gewonnen hat“, sagte John McCrea einmal. Er selbst hat einige solcher Tränendrüsensongs komponiert und damit für seine Band Cake ein erstaunlich treues Publikum gewonnen: Obwohl drei Jahre nichts von den Indie-Rockern aus Sacramento zu hören war und ihre große Zeit sogar noch ein bisschen länger zurückliegt, füllen Ü-30-Fans sowie überraschend viele junge Leute das Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei bis in die hinterste Ecke. Sie erkennen die Songs der bereits zehn Jahre alten Band schon nach zwei Takten, die McCrea auf seiner schraddeligen Akustikgitarre anschlägt. In großen Halbkreisen fährt seine Schlaghand durch die Luft, mit Zurufen inszeniert er einen Publikumswettstreit zwischen Saal und Empore. „Shut the fuck“, gellt es bis zur Heiserkeit aus den Reihen.

Auch die prägnanten Trompeten-Signaturen von Vincent di Fiore werden freudig begrüßt. Das Konzert gerät zur Wiedersehensparty mit großartigen Songs wie „Frank Sinatra“, „Never there“ und „The Distance“. Nur beiläufig geht das Quintett auf sein vor vier Wochen erschienenes Album „Pressure Chief“ ein. Es spielt daraus lediglich drei Songs, darunter die Single „No Phone“ – ein typischer Cake-Song bestehend aus einem lustigen Keyboard-Thema, einer mitreißenden Basslinie und dem lakonischen Beinahe-Sprechgesang von McCrea. Den Refrain lässt er zu einer schier endlosen Mitsing-Arie ausufern. Auch bei anderen Stücken inszeniert der bärtige Frontman immer wieder Publikumschöre – weil ihm die Berliner Stimmen so gut gefallen.

Vielleicht trösten sie ihn ein bisschen über seinen Post-Wahl-Blues hinweg, den selbst seine große Baseballkappe nie ganz verbergen kann. „Es gibt keine Hoffnung für die Zukunft. Aber lasst uns so tun, als gäbe es Hoffnung für heute, damit wir nicht alle im Badezimmer zusammenbrechen“, sagt der Sänger und beginnt mit der berühmten Cover-Version von Gloria Gaynors „I will survive“. An diesem Abend klingt sie wie eine Durchhaltehymne für die nächsten vier Jahre unter George W. Bush. Nadine Lange

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