Kultur : KURZ & KRITISCH

Maxi Sickert

LITERATUR

Buddha

mit Dreadlocks

In olivgrünem Cordanzug, mit dunklem Hemd und Seidenschal, betritt Amiri Baraka die Bühne. Der Theatersaal im Haus der Kulturen der Welt ist gut gefüllt bei dieser Lesung des 70-jährigen afro-amerikanischen Musik-Kritikers, Dramatikers und Dichters. Doch bevor er zu seinen Gedichten kommt, gibt Baraka eine Vorlesung über afro-amerikanische Kultur und Geschichtsbewusstsein als Grundlage von Identität: „Schon Buddha hatte Dreadlocks.“ Er spricht mit erhobenem Zeigefinger, in der Art einer Gospelpredigt. Das Publikum reagiert darauf mit einem zustimmenden Summen. Für seine Band mit Archie Shepp, Roswell Rudd, Craig Harris und Andrew Cyrille, mit denen er jetzt in Europa auf Lesereise geht, hatte das Black-Atlantic-Budget wohl nicht mehr gereicht. Aber Baraka ist seine eigene Band. Mit der flachen Hand schlägt er den Rhythmus zu seinen Gedichten, jedes eingeleitet durch kurze Scat-Passagen berühmter Jazz-Kompositionen. Erst zum Schluss liest er sein zurzeit umstrittenstes Gedicht, das die US-Regierung für den 11. September mit verantwortlich macht und ihn sämtliche Lehraufträge in Yale und anderen Universitäten kostete, sowie seine Ernennung zum State Poet Laureate von New Jersey. Er leitet es durch Thelonious Monks „Misterioso“ ein. Es heißt: „Somebody Blew Up America“.

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KLASSIK (1)

Bach

ohne Skrupel

Man merkt sie den lichten Chören gar nicht an, die nagende Unzufriedenheit ihres Schöpfers. So selbstverständlich entwickelt sich die klingende Pracht. Auch in seinen weltlichen Kantaten strebte Bach nach Höherem. Auch in einem schnell hingeworfenen Willkommensgruß für den neuen Leipziger Juraprofessor. Ein jubelndes „Kortte blühe, Kortte lebe“, montiert auf Musik aus den Brandenburgischen Konzerten – das hat Stil, auch wenn die verbale Lobpreisung des Lehrkörpers zum Schmunzeln reizt. Wie turmhoch Bach den Allegoriengilb der Textdichter überragt, zeigt vor allem sein Dramma per musica „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“. Das Freiburger Barockorchester und die Sänger des Concerto Vocale Gent blühen unter der luftigen Leitung von Sigiswald Kuijken im Kammermusiksaal zur großer Herrlichkeit auf. Darin schwingt mehr Jubel gen Himmel mit, als der Geburtstag der Kurfürstin von Sachsen verdient. Und so verspürte Bach auch keine Skrupel, den Eingangschor in sein Weihnachtsoratorium zu übernehmen. Diese ihren profanen Anlass überwindende Qualität legt Kuijken mit leichter Hand frei, unterstützt von den klaren Stimmen des Concerto Vocale und der Sopranistin Sybilla Rubens, die das Solistenquartett überstrahlt. Wer ewig strebt, den können wir von seiner Fronarbeit erlösen. Ulrich Amling

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KLASSIK (2)

Brandopfer

mit Folgen

So lange das Runde ins Eckige muss, so lange muss es in unserem Kulturleben Traditionschöre geben, die sich mit Mendelssohns Oratorien-Dauerbrenner Elias messen. Zumindest dann, wenn sie eine Idee davon haben, wie sich folgende Szene anfühlt: „Der Herr ging vorüber, und ein starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her.“ Die Amateure vom Berliner Konzert-Chor haben diese Idee und können sie in der Philharmonie auch eindrücklich vermitteln. Sie tun es Dank hörbar intensiver stimmbildnerischer Arbeit, die sie zu angstfrei offenen Höhen und klangvoll gestütztem Forte befähigt. Sie vermögen es auch durch die Reife, stimmliche Patina und gelassene Präsenz, die viele ältere Chormitglieder mitbringen. Innerlich gefestigt kann der Traditionschor so zu seinem 50-jährigen Jubiläum auf die Bühne treten – und das trotz des durchaus heilsamen Schocks, die zunehmende Konkurrenz um Fördermittel und der Stabwechsel an Jan Olberg in der jüngsten Vergangenheit mit sich brachten. Was Farbenreichtum und dramatisch glaubhafte Deklamation anbelangt, dürften sich Chor und Leiter dagegen noch mehr am Vorbild der Sopranistin Christine Wolff orientieren – auch wenn bei der Brandopferszene einzelne Funken übersprangen. Carsten Niemann

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