Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Back in

Town

Lieben Sie Brahms? Diese Frage würde Christian Thielemann gewiss noch im Schlaf laut und vernehmlich mit „Ja!“ beantworten. Das Schwerblütige, Seelengründlerische, sich meisterlich unter Beethovens sinfonischem Schatten Hervorduckende – es spricht dem Ex-Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin und frisch inthronisierten Chef der Münchner Philharmoniker ganz einfach aus dem Herzen. Im hellblauen Ringelshirt machte Thielemann sich nun im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie daran, diese seine Leidenschaft in einem öffentlichen Workshop an das Sinfonieorchester der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ weiterzugeben. Auf dem Programm: Brahms’ Erste, erster und zweiter Satz – wobei den Maestro nach der Pause leider die Lust verließ, und es so („Sie machen das sehr schön!“) beim einmaligen flüchtigen Ritt durch das Andante sostenuto blieb. Den ersten Satz hingegen wünschte Thielemann sich „lodernd wie ein Kaminfeuer“, und genau so klang’s nach anderthalb Stunden auch. „Bässe und Celli, das ist der halbe Brahms!“, rief Thielemann emphatisch ins Mikrophon, und immer wieder: „Breiter, breiter, weiterdenken!“ Bloß keine Löcher, nichts, das gar an „zerbrochenes Holz“ denken lässt. Ein schrankenloses Bekenntnis zur Agogik also – und zum disziplinierten Arbeiten. Das Fliegen indes brachte Thielemann den hochmotivierten jungen Musikern diesmal nicht bei.

KUNST

Raus aus

der Stadt

Es zwitschern Spatzen, Bäume ragen in den Himmel, tiefblaues Wasser durchpflügt die Wüste. Von ungetrübtem Idyll kann trotzdem nicht die Rede sein. Drei Absolventinnen der Berliner Universität der Künste loten das Spannungsfeld von Natur und Kultur aus. In der Ausstellung cross-country präsentieren die Künstlerinnen Multimediales – passenderweise im Haus am Kleistpark , das 1878-80 als Botanisches Museum erbaut wurde (Grunewaldstr. 6-7, bis 28.11.). Bettina Allamoda spürt in ihrer Videoarbeit „The Design of Living“ Tiere in urbanen Räumen auf. Berliner Spatzen verteidigen ihre ökologische Nische. In den Wald mitten in der Stadt führt Jutta Geier . Auf ihren Fotopanoramen breitet die Künstlerin Berliner Waldstücke aus, die sie abgefilmt und dann mittels Computer zusammengesetzt hat. Das Verfahren erinnert an Caspar David Friedrichs synthetisches Verfahren, aus Teilskizzen Ideal-Landschaften zusammenzusetzen. Geradezu irreal wirkt ein künstlicher Fluss, der zwischen 1907 und 1940 angelegt wurde, um Los Angeles mit Wasser zu versorgen: von manchen als Genietat eines Ingenieurs gefeiert, von anderen als ökologisches Zerstörungswerk verdammt. Eva Castringius hat die kalifornischen Mondlandschaften mit Plastiktannen verziert und fotografiert, „um diese Wüstenstätte zu begrünen“, so die Künstlerin. Castringius und ihre Kolleginnen markieren eher Verluste, statt dem Auge mit virtuellen Paradiesen zu schmeicheln. Jens Hinrichsen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben