Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Paradies

aus Eisblumen

Er gilt als der Erbe der großen russischen Klaviertradition, als legitimer Nachfolger von Gilels und Richter: Bei den raren Klavierabenden des 53-jährigen Grigori Sokolow wird der Flügel zum Seismografen der Seele, der jede noch so feine Regung in Klang verwandelt. Bach und Chopin wird er im Kammermusiksaal spielen, sagt das Programmheft, und doch spielt er vor allem Sokolow. Vierzehn Übungen in meditativer Transzendenz, nur durch eine Pause symmetrisch gescheitelt. Die barocken Affekte, der tänzerische Unterhaltungswert von Bachs sechster Partita, das interessiert den zartfühlenden Tastengiganten ebenso wenig wie später Chopins Versuch, in seinen Impromptus den flüchtigen Gedanken zu bannen. Hier wie da wird der Notentext zum Anlass, die unendlichen Klangmöglichkeiten des Flügels auszuloten und auszukosten: Bachs Partita wird skriabinesk schillernde „Clavier“-Übung, Chopin zum entsagungstrunkenen Elegiker. Musik, die sich der Welt abwendet und ihr eigenes Paradies aus Eisblumen baut. Man versteht, warum die Russen so traurig sind.

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KUNST

Welt

der Harmonie

Es gab ein Leben nach der „Brücke“. Das Jahr 1913 brachte das Aus für die berühmte Expressionistengruppe, die Erich Heckel (1883-1970) mit seinen Freunden Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl gegründet hatte. Wie es mit Erich Heckel weiterging, macht nun das Brücke-Museum anschaulich (Bussardsteig 9, bis 12.2., Mi-Mo 11-17 Uhr, Katalog 24 Euro). Die überzeugend in Themenfelder gegliederte Ausstellung mit über 100 Arbeiten konzentriert sich – zum ersten Mal überhaupt – auf Heckels Schaffen der Zwanzigerjahre. Und gibt deutlich der Malerei vor den Grafiken des Künstlers den Vorzug. Als Sanitäter in Flandern erlebt Erich Heckel die Gräuel des Ersten Weltkrieges. Menschen, die er unmittelbar danach malt, zeigen Spuren von Hunger und Erschöpfung.

Doch zum Elendsmaler wird Erich Heckel nicht, bald nimmt er das schon in der Brücke-Zeit behandelte Thema der „Badenden“ wieder auf. Paradiesisch nackte Figuren tummeln sich in idyllischen Landschaften – in diesen Bildern ist der Traum einer Einheit von Mensch und Natur verwirklicht. Diese pantheistische Weltanschauung durchflutet auch Heckels ornamentverliebte Blumenstillleben und seine von großen Wasserflächen bestimmten, koloristisch grandiosen Landschaften. Auf vielen Bildern, die Heckel in seiner Wahlheimat an der Flensburger Förde oder auf ausgedehnten Europareisen malt, wirkt die Landschaft mit den weich geschwungenen Linien und dem gekrümmten Horizont wie ein Miniatur-Erdball, auf dem Harmonie herrscht. Nur wenige Wolkenungetüme und Seestürme nehmen die apokalyptische Stimmung von Heckels Vorkriegsbildern auf. Doch auch der mildere, „neusachliche“ Heckel blieb ein vitaler Maler. Jens Hinrichsen

POP

Songs,

die dich umarmen

In unschuldigem Weiß steht sie da; zierlich, mit schwarzen Haaren und E-Gitarre behangen, könnte sie an Patty Smith erinnern. Leslie Feist verzaubert in der Maria am Ufer . Die intime Stimmung ihres neuesten Werks „Let it die“ (Universal) verwandelt sie in ein hörbar dynamischeres Erlebnis. Walzer, Bossa, Pop, Chanson, Rock – der Stilmix der Exil-Kanadierin funktioniert auf der Bühne. Dort ist sie die singende Songwriterin, die schon vor Jahren mit ihrer Highschool Punk-Band im Vorprogramm der Ramones spielte, und jüngst mit Peaches, Gonzales oder Jane Birkin kollaborierte. Die Gitarre leicht übersteuert und klug eingesetzt. Die Stimme stark und doch zerbrechlich. Die große Stärke Feists liegt im Sinn für Live-Dramaturgie, und der Gabe, CD und Konzert konkurrenzlos nebeneinander bestehen zu lassen. Sie haucht den Songs den Funken Leben ein, an dem so viele Acts scheitern. „Gatekeeper“ behält seinen umarmenden Charakter, „Lonely Lonely“ wirkt noch intensiver, „Let it die“ als Zugabe trauert und versöhnt zugleich; es rockt die Gitarre, es berührt der Gesang. Und spätestens beim BeeGees-Disco-Song „Inside and out“ kann auch noch getanzt werden. Feist will viel. Könnte gut sein, dass der Kanadierin – wie bereits ihren Landsleuten Peaches und Gonzales – der Durchbruch in Europa gelingt. Jürgen Stark

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