Kultur : KURZ & KRITISCH

Bernhard Schulz

KUNST

Der Nebel,

der Monet gefiel

Dass der Impressionismus keine ganz ausschließlich französische Erfindung ist, war zumindest außerhalb Frankreichs bekannt. Nun wird diese Erkenntnis auch dem Pariser Publikum nahe gebracht. Die Ausstellung des Grand Palais in Paris , „Turner Whistler Monet“ (bis 17. Januar, Katalog 39 Euro), nennt bereits im Titel den Mitanreger und den Mitstreiter aus England.

Da die Ausstellung im Rahmen der Jubiläumsfeiern zur franko-britannischen Entente cordiale stattfindet, ist man geneigt, an eine eher diplomatische Unternehmung zu denken. Doch die über 100 durchweg erstrangigen Werke untermauern eindrucksvoll die These vom englischen Einfluss. William Turner (1775–1851) löste die akademische Formensprache auf, lange bevor die Impressionisten ins Freie zogen. James McNeill Whistler (1834–1903) fand unter dem Einfluss japanischer Grafik zu flächigen Darstellungen und einer äußerst reduzierten Farbpalette.

Claude Monet (1840–1926) wiederum, der sich während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 nach London flüchtet, sieht Turners Werke – und erlebt den berüchtigten „Londoner Nebel“, der nichts anderes ist als die Luftverschmutzung der damals größten Industriestadt Europas. Sein 1874 ausgestelltes Gemälde „Impression, Sonnenaufgang“ – dessen Titel dem Impressionismus den Namen gab – spiegelt das Londoner Erlebnis, das für Monet zur bleibenden Anregung wurde. Ähnlich ging es seinem späteren Freund Whistler, der von den optischen Effekten der „Nebelschwaden“ schwärmte.

Bei den optischen Effekten belässt es leider die Ausstellung, statt den ungemein spannenden Gedanken zu vertiefen, die impressionistische Malerei nicht nur malerisch, sondern auch von ihrem Gehalt her mit den Folgen der Industrialisierung in Beziehung zu setzen. So verharrt die Ausstellung im gewohnten Rahmen einer Feier der reinen Malerei, mit wunderbaren Beispielen von Monets Londoner Bilderserien, Turners Farbkaskaden und Whistlers zum Symbolismus neigenden Monochromien.

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FOTOGRAFIE

Das Känguru

im Urzustand

Das Auffälligste sind die Augen. Seltsam erloschen sehen sie aus, sehr verloren. Die Fotografien von John W. Lindt und Charles Kerry zeigen Aborigines in einem Setting, das heute surreal anmutet. Die Modelle sitzen oder stehen in einem Fotostudio, umgeben von echten Pflanzen, Kängurus und Bumerangs, im Hintergrund eine gemalte europäische Berglandschaft. Mit Hilfe dieser kunstvollen Arrangements glaubten die Fotopioniere Charles Kerry (1858–1928) und John W. Lindt (1845–1926) das ursprüngliche Leben der australischen Bevölkerung abzubilden. Den Zustand vor dem Kontakt mit den Europäern.

Das Ethnologische Museum öffnet anlässlich des Monats der Fotografie sein Archiv. Im kargen Studio der Südsee-Abteilung wird unter dem Titel Australien im Auge der Kamera eine sehenswerte Auswahl früher Aufnahmen präsentiert (bis 5. Dez., Di–Fr 10–18, Sa–So 11–18 Uhr). Gezeigt werden Reproduktionen, zum Beispiel aus Lindts Album „Australian Scenery & Aboriginals“. Charles Kerry wurde durch seine Aufnahmen der Wailwan-Zeremonien berühmt, die in der Ausstellung leider nicht gezeigt werden. Die Auswahl der Motive ist trotzdem geglückt: eine Höhle in Yenolan, gestellte Szenen von fischenden Aborigines, Stadtansichten, Goldgräber, Schafscherer. Die Bilder offenbaren das Aufeinanderkrachen zweier Kulturen. Oft subtil, als Armbanduhr am Handgelenk eines Einheimischen, oder direkt, wie in Lindts Arbeit „Weary“ (Müde), wo ein Aborigine und ein weißer Goldgräber in der gleichen ausruhenden Pose gegenübergestellt werden. Birgit Rieger

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