Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Ein Juwel

namens Harfe

Für Malerei besaß Georg Friedrich Händel ein erstaunliches Gespür: Vor allem die Bilder Rembrandts hatten es ihm angetan, und aus seinem Testament geht hervor, dass gleich mehrere Gemälde des Niederländers in Händels Londoner Wohnung hingen. Doch damit nicht genug: Mit seiner Aufführung des Saul in der Philharmonie suggeriert René Jacobs bezwingend, dass sich der „Messias“-Komponist bei seinen Oratorien von der rembrandtschen Licht-undSchatten-Dramaturgie inspirieren ließ, ja sie mit tonmalerischen Effekten geradezu nachahmte. Um diese verblüffende Analogie hörbar zu machen, dirigiert Jacobs mit dem RIAS-Kammerchor und dem Concerto Köln genau das Gegenteil von der landläufigen Ästhetik historischer Aufführungspraxis: Statt straff artikulierter Rhythmen und rhetorisch prägnanter Melodiefloskeln stellt er gerade die oszillierenden Mischklänge in Chor- und Orchesterpart heraus, hüllt die Helden in weiches, mystisches Licht, aus dem instrumentale Farbtupfer wie Harfe, Glockenspiel und Orgel ebenso hervorstechen wie Gold und Juwelen auf Rembrandts Gemälden. Dass diese Analogie im „Saul“ besonders deutlich wird, liegt freilich auch am Thema: Die alttestamentarische Geschichte um den Untergang des an Verfolgungswahn leidenden Königs bietet reichlich Gelegenheit, malerische Szenen zu entwerfen und barocke, von archaischen Urgewalten geschüttelte Menschen zu zeichnen. Konsequent besetzt Jacobs die Solopartien deshalb auch mit großen, charakterstarken Stimmen: Mit dem israelischen Bassbariton Gidon Saks, der den Titelhelden affektgeladen als todwunden Löwen gibt; mit Emma Bell, deren widerborstige Prinzessin Merab mitunter hexenhafte Züge gewinnt und perfekt mit der ungetrübten Unschuld ihrer Schwester Michal (Rosemary Joshua) kontrastiert. Ein großer Abend. Hallelujah!

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POP

Schäfchen

sucht Schäfchen

Dieser Abend gehört den Freundinnen. Untergehakt kommen sie den Damm entlang, manche hüpfen gar zur Columbiahalle , in der an diesem Samstagabend 2Raumwohnung spielt. Die Mädchen werden nicht enttäuscht: Das letzte Konzert nach langer Tour in der Heimatstadt der Band ist eine Feier der Freundschaft gegen den Rest der Welt. 2Raumwohnung schaffen es sogar, den Rest der Welt in die gefühlsechte Verschwörung mit einzubeziehen: Inga Humpes Stimme flüstert Schlafzimmer, die Bassdrum dröhnt Großraumdisko. Humpe bewegt sich lasziv routiniert, sie lässt sich durchs Publikum tragen und singt „Spiel mit mir!“ Die Visuals zeigen Schäfchen, die sich nach anderen Schäfchen umschauen. Das Licht geht aus, „Darkroom“, ruft Humpe und den Schlachtruf „Freie Liebe!“ brüllt sie als Transgender-Lustmonsterchen mit elektronisch verzerrter Männerstimme. Doch die Erschütterung währt nur kurz. Im nächsten Moment Lagerfeuerromantik: Sie sitzt mit dem Gitarristen am Bühnenrand, als wären sie allein – zwei von Millionen von Sternen. Love and Peace regieren die Halle. Nur als die Band „Berliner Mädchen und auch Schwule“ auf die Bühne bittet, die Ordner die Frauen über die Absperrung heben, die winkenden Männer aber zurückdrängen, ist alle Illusion wieder dahin. Aber egal: Dieser Abend gehört eben den Freundinnen. Humpe lässt sich die Namen der Mädchen ins Ohr flüstern und ruft sie dann in die Halle: Anne, Claudia, Betty. Jede ein Star. Daniel Völzke

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KINO

Plattform

für Visionäre

Aufregende Zeiten brechen an. Das kann man deutlich spüren beim Auftakt des digitalen Kinos in den Hackeschen Höfen . European DocuZone (EDZ) heißt ein nicht unumstrittenes Pilotprojekt, das ab Frühjahr 2005 nahezu 200 Kinos in acht europäischen Ländern mit digitalen Filmen versorgen will. Zum Opening wird der britische Dokumentarfilm Peace One Day zeitgleich in Berlin, Amsterdam, London, Edinburgh und anderen europäischen Städten ausgestrahlt. Was für ein Start! Zwar ist es weder die Brillanz der Farben noch die makellose Qualität des Bildes, die ins Auge springt; das ist bei einem Low-Budget-Film wie „Peace One Day“ auch nicht zu erwarten. Die digitale Revolution offenbart sich vielmehr in der Tatsache, dass ein kleiner, ausgesprochen sehenswerter Dokumentarfilm wie „Peace One Day“ überhaupt ins Kino gelangen kann. Erst die fast kostenlose Distribution der Filmdaten per Satellit und die mit rund 20000 Euro leider kostenintensive Umrüstung der Kinos macht es möglich, dass kleine Produktionen von einem größeren Publikum gesehen werden können. Die Investitionen der Europäischen Union in die „European DocuZone“ scheint zu lohnen.

„Peace One Day“ zeigt eindrücklich, das es längst an der Zeit ist, kleinen Filmen und jungen, visionären Regisseuren eine Plattform zu bieten. Der Brite Jeremy Gilley dokumentiert in dem Film sein sechs Jahre dauerndes Bemühen, einen festen, internationalen Friedenstag zu etablieren. Die Gespräche mit UN-Vertretern, Staatsoberhäuptern, Kriegsopfern und Friedensnobelpreisträgern hält er mit der Kamera fest. „Ich hatte anfangs gar nicht damit gerechnet, dass es funktioniert“, sagt Gilley, dem wir nun den jährlichen internationalen Friedenstag am 21. September verdanken. Der charismatische Filmemacher wurde per Satellitenübertragung live aus London zugeschaltet. Auch das macht digitale Technik möglich. Birgit Rieger

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