Kultur : KURZ & KRITISCH

Rolf Brockschmidt

LITERATUR

Ein Beau, auf den die

Frauen fliegen

1969 in der niederländischen Provinz. Ein Schüler will Schauspieler werden, aber er vermasselt schon die Aufführung des Schultheaters. Eigentlich weiß er auch nicht so recht, was er will. „Tief in meinem Herzen war ich ein großer Dichter“, bekennt er. Aber es ist mehr eine Pose, eine Sehnsucht. Die Studentenbewegung geht zunächst spurlos an ihm vorbei: „Unsere ganze Klasse war Gott sei Dank rechts, wer wollte schon zu den Arbeitern gehören?“ Aber dann zieht er ins revolutionäre Amsterdam. Wer ist er? Ein Homosexueller? Oder ein Beau, auf den die Frauen fliegen? Ein revolutionärer Student, ein Bohemien? Der stark autobiografisch gefärbte Roman Doppelliebe , diese „Geschichte eines jungen Mannes“ von Adriaan van Dis , ist 1999 in den Niederlanden erschienen und nimmt uns mit auf eine Reise durch die wilden Siebziger. (Hanser, München 2004. 320 Seiten. 21,90 €).

Van Dis, Jahrgang 1946, hat in den Niederlanden gleichermaßen einen Namen als Journalist und Fernsehmoderator erfolgreicher Literatursendungen wie als Literat. 1983 debütierte er mit dem Kurzroman „Nathan Sid“, in dem er sich, wie in vielen seiner Bücher, mit dem Vater und der verlorenen Welt Indonesiens seiner Kindheit auseinander setzt. In „Doppelleben“ ist die Pose manchmal wichtiger als die Überzeugung. Aber am Ende siegt die Literatur. Heute um 20 Uhr will er das auch im Berliner Literaturhaus beweisen.

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KLASSIK

Eine Hölle, aus der

Pianissimo-Schauer erklingen

Trotz des trockenen Klangs fasziniert die Sensibilität bei Louis Lortie . Nach einem Beethoven-Zyklus und Kammermusik präsentiert sich der kanadische Pianist im Berliner Konzerthaus als grandioser Liszt-Spieler. Wie er die gefürchtete h-moll-Sonate bewältigt, braucht keinen Vergleich zu scheuen. Mit seiner unbestechlichen Technik leuchtet Lortie das verwinkelte Stimmendickicht aus. Aufklärung findet statt, wo sonst Höllenspuk und Erlösungsglöckchen aufeinanderprallen. Vor allem die rhythmisch prägnante Fuge wird zur Explosion diesseitiger Vitalität. Doch die Klangfülle der „Grandioso“-Aufschwünge, die Pastellfarben der lyrischen Themen stehen Lortie ebenso zu Gebote. So wie Lortie hier den Bogen spannt, erfüllt er auch kleinere Formen mit Dramaturgie und Detailreichtum. Im Italien-Teil der „Années de Pèlerinage“ enthüllt er die leidenschaftlich ausbrechende Poesie der „Petrarca-Sonette“ und gewährt vor allem in der „Dante“-Sonate mit spannungsvollen Pianissimo-Schauern was im „entmystifizierten“ h-moll-Werk versagt blieb: einen Blick in die Abgründe der im „purgatorio“ flehenden Seele. Isabel Herzfeld

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