Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Wiedersehen nach

zwanzig Jahren

Wer damals zwischen dem 15. November und dem 7. Dezember 1984 den ersten Leipziger Herbstsalon gesehen hat, dem war sofort klar, dass Vergleichbares auf dem getrimmten Kunstrasen DDR noch nie gewachsen war. Plakate hatte die Staatsmacht verboten. Trotzdem kamen zehntausend Neugierige. Die Künstlerfreunde Günther Huniat, Lutz Dammbeck, Hans-Hendrik Grimmling, Olaf Wegewitz, Frieder Heinze und Günter Firit hatten nicht ganz legal eine Etage im Leipziger Messehaus am Markt gemietet. Der Vermieter untersagte, Nägel in die Wand zu schlagen, der DDR-Künstlerverband forderte, die Totalausstellung zu „Werkstattwochen“ abzuwerten. So hingen halbfertige Bilder an Wäscheleinen, wurden Experimentalfilmfetzen auf nackte Wände geworfen, werkelte man an Installationen, rauchte und trank. Der Traum vom ewigen Happening triumphierte seinerzeit kurzzeitig über die bleigraue DDR.

Nach zwei Jahrzehnten trafen vier der Künstler (Firit, Grimmling, Huniat, Wegewitz) zur Diskussion in der Saarländischen Landesvertretung in Berlin zusammen. Dass die Stasiakten nachträglich ein wenig romantisches Bild zeichnen, betonte eingangs die Autorin Doris Liebermann. Firit und Grimmling reisten 1986 in den Westen aus, ebenso der abwesende Lutz Dammbeck. Was blieb vom künstlerischen Aufbruch, der keiner mehr sein durfte? Die Vermutung, dass der Herbstsalon auch unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen provoziert hätte. Günther Huniat will’s beweisen: „Wir leben und arbeiten alle noch. Es wäre schön, wenn es wieder eine gemeinsame Ausstellung in Leipzig oder Berlin gäbe.“

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POP

Nach ihnen

die Sintflut

Mit hellwachem Killerinstinkt ballert die Band aus New York eine Musik in den ausverkauften Knaack-Club , die so trickreich und verschlagen ist wie die Ausbruchspläne der Bankräuber-Legende John Dillinger. Hardcore-Punk und Todes-Metal auf das Wesentliche reduziert, das Schnelle, das Laute und Fiese, aufgeladen mit allem, was brettert oder nach Maschinengewehr riecht. The Dillinger Escape Plan beginnen mit „Panasonic Youth“, dem Eingangsstück ihres neuen Albums „Miss Machine“, für das sie sich fünf Jahre Zeit gelassen haben. Exzessive Stakkato-Attacken auf Magengrube und Nackenwirbel, die den Sound in das tobende Zischen klaustrophobischer Zustände treiben. Zielsicher manövriert sich die Band durch schwierigste Tempo-, Stil- und Haltungswechsel, springt von Superspeedhämmern zu melodischen Gesangspassagen und gleich wieder zurück zum querrhythmischen Jazzrockgemetzel und fettriffigen Wegpustgeholze: zwei Gitarren im teuflischen Wechselspiel, Donnerbass, Schlagzeuggewitter und ein Sänger, dem man etwas Nervengift gespritzt haben muss. Wahnsinn. Aber auch die Abgebrühtesten ermatten irgendwann in den Wellen des Hochgeschwindigkeitslärms, der die Errungenschaften von Slayer und Napalm Death in ungeahnte Höhen der babylonischen Break-Verwirrung schraubt. Doch unter der Hektik liegt das ewig Große: Punkrock, die Musik unserer Mütter und Väter, ein Klassiker, der alles vertragen kann. Volker Lüke

FOTOGRAFIE

Die Frauen

Europas

Dreizehn Jahre ist es her, dass sich das Leben der italienischen Großgrundbesitzerin Teresa Cordopatri von Grund auf änderte. Wie jeden Morgen stieg sie damals in ihr Auto, als plötzlich Schüsse fielen und ihren Bruder Antonio tödlich verletzten: Die Mafia hatte den Mord in Auftrag gegeben. Seitdem ist Teresa Cordopatri vor der italienischen Untergrundorganisation nicht mehr sicher. Denn der Mörder ihres Bruders sitzt durch ihre Aussage seit Jahren hinter Gittern.

Der tragische Lebenslauf der mittlerweile über 70-jährigen Adligen hat die Fotografin Bettina Flitner tief beeindruckt. Auf ihren poetisch inszenierten Fotografien in Farbe und Schwarzweiß wirkt die Italienerin resigniert und nachdenklich. Geschichten wie diese sind es, die Bettina Flitner animierten, Frauen aus ganz Europa mit der Kamera zu porträtieren. Drei Jahre reiste sie durch Europa, brachte Frauen vor ihr Objektiv, die Nobelpreise gewonnen, Kosmetik-Konzerne gegründet haben, in der Politik arbeiten oder als Astronautin das Weltall erforschten. Das Berliner Museum für Kommunikation (Leipziger Straße 16, bis 2. Januar, Di-Fr, 9 - 17 Uhr, Sa, So, 11-19 Uhr, Katalog 39,90 €, Texte von Alice Schwarzer) zeigt zum Internationalen Monat der Fotografie die Ausstellung „Europäerinnen. Frauen mit Visionen" .

Die finnische Schauspielerin Kati Outinen fotografierte Flitner in einer absurden Situation: Mitten im Meer sitzt die Protagonistin zahlreicher Kaurismäki-Filme auf einem Stuhl und starrt in die Ferne. Elfriede Jelinek posiert mit Mutter im Wohnzimmer, und Alice Schwarzer ist hier mal ganz romantisch, steht mitten in einem Feld blühender Sonnenblumen. Flitner inszeniert irreal und kunstvoll – gleichzeitig bleibt sie nah dran an der Biografie ihrer Protagonistinnen. Entstanden ist ein eindrucksvoller Querschnitt durch die weibliche Hälfte Europas. Anne Mareile Moschinski

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