Kultur : KURZ & KRITISCH

Stefan Jacobs

VORTRAG

Die Erinnerung

guckt nach vorn

In New York lässt sich ein Mahnmal auch nicht leichter bauen als in Berlin. Mit dieser Erkenntnis tröstete James E. Young das Publikum, das zum Auftakt der neunteiligen Veranstaltungsreihe „ Architektur der Erinnerung “ gekommen war. Young, Professor für Anglistik und Judaistik an der Universität Amherst (Massachusetts), war Berater bei der schweren Geburt des Holocaust-Mahnmals in Berlin. Und er saß auch in der Jury, die aus 5200 eingereichten Entwürfen für eine Gedenkstätte am Ground Zero jüngst die „Reflecting Absence“ der Landschaftsarchitekten Michael Arad und Peter Walker kürte. Youngs Vortrag handelte von dem Terrain, auf dem die New Yorker Jury sich bewegte – begrenzt von den Wünschen Angehöriger der Opfer des 11. September einerseits und den Ansprüchen des Manhattaner Immobilienmarktes andererseits. Ein Mahnmal als Stätte der Besinnung sollte entstehen. Es musste der Öffentlichkeit zeigen, dass das Leben weitergeht. Wie es weitergeht, muss offen bleiben – der 11. September ist Gegenwart, nicht Geschichte.

Vielleicht gibt es keinen besseren Kenner der Holocaust-Mahnmale in aller Welt als James E. Young. Sein Vortrag jedenfalls hatte mehr Schwung als der Untertitel der Veranstaltungsreihe: „Deutsche und internationale Projekte der Erinnerung im Kontext der Gedenkkultur“. Am 30. November wird István Mányi in der Saarländischen Landesvertretung über das Holocaust-Museum in Budapest sprechen.

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KLASSIK I

Opa erzählt

von früher

Von allen Familienbeziehungen ist die zwischen Großeltern und Enkeln die entspannteste, weil von Wohlwollen und Toleranz geprägt. 81 Jahre ist Menahem Pressler, der Pianist und Mitbegründer des legendären Beaux Arts Trio , mittlerweile alt, und mit seinen 30 könnte der Geiger Daniel Hope, der seit zwei Jahren mit dabei ist, tatsächlich sein Enkel sein. Und schon in den ersten Takten von Mozarts E-Dur-Klaviertrio im Kammermusiksaal hört man, was die beiden trennt: Bei Pressler ein halbes Jahrhundert Trio-Erfahrung und ein runder, apollinisch perlender Mozartton, der noch aus der Zeit von Gieseking und Haskil stammt. Bei Hope ein schlanker, vibratoarmer Geigenklang und ein Spiel, das in seiner unaufdringlichen Rhetorik das Wissen um historische Aufführungspraxis verrät.

Aber dennoch funktioniert die Mischung, weil jeder dem anderen Raum lässt. Vielleicht auch, weil der Dritte im Bunde, der 47-jährige Antonio Meneses, mit seinem verinnerlichten Celloton immer wieder zwischen den Extremen vermittelt: Bei Mozart, bei Alfred Schnittkes tieftraurigem Klaviertrio und bei Dvoraks „Dumky“-Trio, das den Generationenvertrag besiegelt: Atemberaubend, wie hier die drei Instrumente zum gemeinsamen Gesang verschmelzen, wie die intuitiv erspürte Balance nie ins Wanken gerät, wie im Vertrauen aufeinander selbst das Extrem nur mehr gehauchter Töne gewagt wird. Wer noch einen Großvater hat, sollte bald mal wieder bei ihm vorbeischauen. Jörg Königsdorf

KLASSIK II

Die Bibel

lässt grüßen

Während Berlin derzeit mit den „Jüdischen Kulturtagen“ im Zeichen der Familie Mendelssohn steht, kommt ein beziehungsreicher Beitrag von außen hinzu: Die Staatskapelle unter der Leitung Daniel Ba renboims eröffnet ein geistliches Konzert in der Philharmonie mit Schönbergs „Survivor from Warsaw“ – und auch im 21. Jahrhundert fällt es noch schwer, dem 1947 entstandenen Werk aus distanzierter Kunstbetrachtung zu begegnen, weil die Passion des „Überlebenden“ eine Passion der Menschheit geworden ist. Die Brutalität im Ghetto, musikalisch grell symbolisiert und in der deutschen Sprache des Feldwebels charakterisiert, das Abzählen der Todgeweihten und ihr Einstimmen in das fromme Lied „Shema Yisroel“ erneuern sich stets in ihrer Wirkung. Die trich Fischer-Dieskau scheint ganz in die Emotion hineingenommen, obwohl er der präzis notierten Sprechpartie sensibel nachgeht: Eine Rezitation von innen, somnambul bis zum Schrei.

Tränen und Trost des Deutschen Requiems von Johannes Brahms fügen sich sinnstiftend an. Die bejubelte Interpretation mit dem Staatsopernchor und den Solisten Christine Schäfer und René Pape – der Engelsstimme und dem unerschütterlichen Bariton – bleibt dennoch manches schuldig. Es mag an Barenboims gewaltiger künstlerischer Gesamtleistung in diesen Tagen liegen, dass er dem füllig intonierenden Chor keine Textverständlichkeit abverlangt, alle Differenzierung der Staatskapelle überlässt. So geraten die Kontraste recht blass und der Gesang über das „Geheimnis“ des Pauluswortes strömt ohne gespannten Ausdruck. Der beinahe echauffierte Barenboim musiziert eine theatralische Bibelstunde. Sybill Mahlke

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