Kultur : KURZ & KRITISCH

Birgit Rieger

KUNST

Kleine, feine,

fiese Bilder

Es gibt Momente, da ist man glücklich. Einfach so. Als hätte jemand im Innern eine Kerze angesteckt. Caro Suerkemper und Vitek Marcinkiewicz sind solche Lichtgeber. Eine Kostprobe davon ist in einer Ausstellung im Haus am Lützowplatz zu sehen (bis 30. Januar, Di.–So. 11–18 Uhr). Die beiden Berliner Künstler arbeiten auf Papier. Caro Suerkemper malt farbige Gouachen. Vitek Marcinkiewicz zeichnet mit Bleistift. Zart wirkt das auf den ersten Blick. Doch wehe, man geht näher ran! Dann sieht man das Verschlagene, Lüsterne und Gequälte in Caro Suerkempers Frauengestalten. Eine liegt in Krankenschwestertracht da, mit einem roten, ballförmigen Knebel im Mund. So ein Ding hat man zuletzt in „Pulp Fiction“ gesehen. Die Augen der Frau sind weit aufgerissen. Eine andere sitzt schwanger und nackt auf einem Stuhl. Lust oder Qual? Caro Suerkemper provoziert die „Spaltung zwischen Motiv und Thema“, wie sie selbst sagt. Ihr virtuoser Umgang mit Farbe, Licht und Schatten haucht den Figuren Leben ein.

Auch in den Bildern von Vitek Marcinkiewicz findet man die kleinen Gemeinheiten erst auf den zweiten Blick. Mit hauchfeinen Bleistiftstrichen schafft er Strukturen, die aus der Ferne wie organische Drucke aussehen. In diesen Bleistift-Wäldern versteckt sich Außerordentliches: Jäger, Reiher, uniformierte Bärchen, Madonnen. Ein packendes Erlebnis ist die räumliche Tiefe der Bilder. In „Viadukt“ kann man weit im Inneren des Bildes einen Viadukt ausmachen und sogar auf die Büsche und Wiesen dahinter schauen. Schließlich präsentiert Kuratorin Karin Pott in der Studiogalerie Arbeiten von Christian Weihrauch . Seine teils mit Bleistift, teils farbig gezeichneten Traumwelten sind sehenswert. Die real-fantastischen Motive wirken allerdings im drückenden Kellergewölbe der Studiogalerie noch verstörender als sie ohnehin schon sind.

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KINO I

Geheimnisvolle,

zarte Zombies

Eine selbstmordgefährdete junge Frau ( Annett Renneberg ), die sich als Professionelle ausgibt. Ein Mann ( Simon Böer ), der offenbar mehr will als die schnelle Nummer für den bunten Schein. Und eine tageslichtlose Designeretage, die mit wohliger Trash-Ästhetik den Macht- und Versteckspielchen der beiden als angemessene Zuflucht dient. Ein Spiel mit drei Helden: Denn auch das Loft habe – wie Mann und Frau – hier sein eigenes Geheimnis, heißt es im Presseheft von Igor Zaritzkis Spielfilmdebüt „Devot“ . Und Geheimnisse sind ja im Trend, vermutlich, weil sie auch das Banalste noch mit dem Glanz des Mysteriums veredeln. In „Devot“ (Cinestar Hellersdorf, UCI Friedrichshain) verschwimmt alles immer mehr im Ungewissen. Am Ende ist nichts sicher, nicht einmal die Existenz der Heldin selbst. Ist die zarte Widerständige nun Hure, Bürgermädchen auf Selbsterfahrungstour oder doch nur eine durchgedrehte Männerfantasie? Und will man das wirklich wissen? Das wortreiche Primanergeschwafel um Fragen von Schicksal und Zufall kann jedenfalls selbst eine so professionelle und attraktive Darstellerin wie Annett Renneberg nicht erfolgreich beleben. Dabei wollte der Regisseur eigentlich Langeweile vermeiden – und setzt auf eine Dramaturgie der Überraschung, wo doch schon Alfred Hitchcock wusste, dass Spannung nur aus Vorausahnung kommt. So kümmert im ziellosen Hin und Her der Gewaltattacken nicht mehr, wie die Geschichte ausgeht: Nur zu Ende soll sie bald sein. Ein Wunsch, der spätestens dann schwer enttäuscht wird, wenn die endlich tot gewähnte Heldin als Zombie dem Grab entsteigt und eine weitere Runde im zähen Ringen dieses prätentiösen Kellerspiels einläutet. Silvia Hallensleben

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KINO II

Kulleräugige,

komische Türken

Vom anatolischen Ziegenhirten bis zum Istanbuler Mafioso, vom Schickeria-Stenz bis zum beflissenen Touristenführer, vom Straßenhändler bis zum Politiker: Cem Yilmaz , kompakt, kulleräugig und krakeelend, kann jede Gestalt annehmen mit allem, was dazu gehört: Haar- und Barttracht, Gestik, Mimik und Sprache. Er ist der türkische Großmeister der Stand-up-Comedians, sehr komisch, sehr schnell und manchmal ein bisschen derb, geschont wird niemand in seiner CMYLMZ-Bühnenshow. Jetzt ist er in einer Doppelrolle im Film zu sehen, zu dem er auch noch das Buch schrieb: „G.O.R.A. “ (in Berlin in fünf Kinozentren, überall untertitelte Originalfassung) heißt der Blockbuster, der mit 400 Kopien allein in der Türkei gestartet wurde.

Cem Yilmaz hat sich dieses Mal an die Darstellung eines Außerirdischen gewagt, eines Bewohners des Planeten G.O.R.A., während er in seiner zweiten Rolle, der des großmäuligen Durchschnittstürken Arif, das tut, was er ohnehin am besten kann – sich selbst und andere durch den Kakao ziehen: Arif wird von Außerirdischen in eine Art Großlabor im All gebeamt, wo schon Angehörige unterschiedlichster Nationen zur Beobachtung festgehalten werden. Mit strahlender Naivität unterläuft Arif eine Regel nach der anderen, bis ihm die Flucht gelingt. Als Parodie auf amerikanische Genrefilme ist G.O.R.A. gelungen, und von Cem Yilmaz’ Fähigkeit, die Stärken und Schwächen seiner Landsleute so auf den Punkt zu bringen, dass sie sich vor Lachen biegen, könnte sich mancher Komiker wenigstens eine kleine Scheibe abschneiden. Daniela Sannwald

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