Kultur : KURZ & KRITISCH

21.11.2004 00:00 UhrVon Stefan Jacobs

KUNST

Kitzel im

Grünen

„At room temperature“ heißt das größte Bild der Ausstellung. Es hängt gleich hinter dem Eingang und ist ein Farbfoto, das grauer kaum sein könnte: Eine Frau schaut aus dem Fenster eines Hochhauses auf die Stadt, deren dunkelgraue Fassaden in das kaum hellere Grau des Himmels übergehen. Die Frau trägt einen altmodischen Morgenmantel und steht wohl öfter hier.

Istanbul heißt die Ausstellung aus der Reihe Stadtansichten in der ifa-Galerie (bis 19. Dezember, Linienstr. 139/140, Di.–So 14–19 Uhr). Sie handelt von den 90 Prozent der türkischen Metropole, die Touristen sich meist sparen.

In Videofilmen und einer bemerkenswerten Stereo-Dia-Show zeigt sie, wie der Moloch sich durch die Landschaft frisst, um Platz zu schaffen für die Tausenden, die hierher kommen auf der Suche nach dem Glück. Manche erreichen es, indem sie die Schnellstraßen überqueren, um es sich auf den schmalen Grünstreifen an ihren Rändern gemütlich zu machen. „Wo sollen wir sonst hin, wenn wir ins Grüne wollen?“, fragen sie den Dokumentarfilmer Osman Bozkurt , der sie mit der Kamera besucht hat. Kein Vorwurf, nein; nur der Wunsch nach einer Brücke, weil hier so oft jemand überfahren wird. So viel Fatalismus wirkt fremd in einer derart europäischen Stadt. Man bekommt ein gutes Bild von Istanbul – aber hinfahren möchte man eigentlich nicht mehr.

* * *

KLASSIK

Kitzel unter

der Steilwand

Ludwig van Beethoven unterlief in seiner Missa solemnis eine kleine Nachlässigkeit. Zwar schrieb er seine berühmten Worte „Vom Herzen – möge es zu Herzen gehen“ auf die erste Partiturseite, aber er unterließ es, sie auch zu komponieren. Dabei würde der kleine Hinweis mancher Aufführung gut tun. Achim Zimmermann ist nun seit fünfzehn Jahren Leiter der Berliner Singakademie , die eine herausragende Position unter den Berliner Traditionschören einnimmt. Aufmerksam trugen seine Sänger im Konzerthaus die kompromisslosen Fugen vor, von Pon-ti-us bis Pi-la-tus mit scharf gemeißelter lateinischer Diktion. Mit klug dosierten Kräften und strahlenden Extremhöhen errichteten sie im Credo gewaltige Spannungsbögen, und wenn im Agnus für Augenblicke geschwächelt wurde, dann fing das der Nervenkitzel der Hörer auf, die sich für Sekunden der Höhe der letzten Steilwand bewusst wurden. Anna Korondi und Katharina Kammerloher unterstützten die Feier mit der Perfektion eines exzellenten Partyservice. Das Berliner Sinfonie-Orchester aber wirkte oft wie von den Eltern zum Messdienst geschickt. Und choralerfahrene Blechbläser sollten im Sanctus wirklich keinen Dirigenten brauchen, der ihnen das Beten erklärt: Denn hier steht die Andacht wirklich in den Noten. Carsten Niemann

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