Kultur : KURZ & KRITISCH

Birgit Rieger

KLEISTPREIS

Glücklich

in den Worten

Natürlich hatte Juror Hermann Beil nach Gemeinsamkeiten gesucht. Was verbindet Emine Sevgi Özdamar , die zum multikulturellen Vorbild der deutschen Literatur geworden ist, und Heinrich von Kleist? In seiner Laudatio zur Verleihung des Kleist-Preises im Berliner Ensemble amüsierte Beil das Publikum mit einer Kleistschen Erkenntnis, die so ganz und gar nicht modern sein will: Der Dichter hielt nichts von Frauen am Theater. Sie seien schuld am Verfall der Bühne, soll er gesagt haben, vor gut 200 Jahren. Preisträgerin Emine Sevgi Özdamar liebt das Theater. Während des Militärputsches in der Türkei kam sie 1976 nach Berlin, um an der Volksbühne beim Brecht-Schüler Benno Besson zu hospitieren. In den Stücken von Büchner, Kleist und Lenz findet sie ihre neuen Wörter, nutzt sie als Vehikel für eine deutsch-türkische Identität, die pure Erweiterung ist und an Angleichung nicht denkt.

„Wer nicht in der Mühle spazieren geht, fällt auch nicht ins Mehl“, zitiert Schauspieler Gerd Wameling aus Özdamars Groteske „Karagöz in Alamania“. Sätze wie diese offenbaren den einzigartigen Duktus ihrer Sprache. Man hört mit Vergnügen zu, wenn sie die Bilder ihrer Heimat im Deutschen wörtlich nimmt. Wie in ihren Werken, so will sie auch in der Rede zum Kleist-Preis die Welt nicht erklären. Persönliches aus der Kindheit und vor allem ihre scharfen Beobachtungen beim Wechsel nach Deutschland erklären genug. Ihrer Weltsicht und ihrer Sprache ist die Gleichzeitigkeit verschiedener Kulturen immanent. „Meine Kindheit hatte keinen Kleist", sagt Emine Sevgi Özdamar. Hätte sie früher von ihm gewusst, hätte sie ihn sicher in ihre „Totenliste“ aufgenommen, einen großen Kreis von Namen, derer sie als Kind vor dem Einschlafen gedachte. Am Ende der Preisverleihung hebt sie ihr Glas: „Das Wasser soll in den Mund von Heinrich von Kleist fließen.“

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KLASSIK

Beethoven

zur Belohnung

Vermutlich nimmt kein deutsches Orchester seinen Kulturauftrag so ernst wie das Deutsche Symphonie-Orchester : Beethovens Fünfte bekommt das Publikum zur Belohnung, nachdem es vorher ein Bildungsprogramm zum Thema „Geschichte der sinfonischen Form“ absolviert hat. Doch was auf dem Papier nach Volkshochschule klingt, wird in der Philharmonie zum erhellenden Hörerlebnis: Die symmetrische Rahmung von Weberns Symphonie opus 21 durch Blechbläser-Canzonen des Renaissance-Meisters Giovanni Gabrieli und dreistimmigen Klavier-Sinfonien von Bach programmiert im Kopf ein polyfones Ordnungsmuster vor, in das sich Weberns Werk gewissermaßen von selbst einhängt. Dass das Zwölftonwerk sich in zwangloser Stringenz entwickelt, liegt freilich auch an Kent Nagano , der Weberns überfeinerte Klangsinnlichkeit klug dosiert und dafür sorgt, dass die Aussparungen, an denen die Form kenntlich wird, nicht durch romantische Klangrhetorik überwuchert werden.

Kein Wunder, dass – nach einem Intermezzo mit Strawinskys Klavierkonzert, an dem sich der Finne Olli Mustonen mit perkussiver Spiellust austobt – auch Beethovens Fünfte anders klingt als sonst. Nagano dirigiert keine dramatisch dräuende Schicksals-Sinfonie, sondern die Fünfte als Erfüllung der klassischen Form, unerbittlich präzis, mit durchsichtigem, genau abgezirkeltem Klang und überraschend federnder Rhythmik. Das berühmte Vier-Noten-Motiv wird zur Keimzelle, aus der alle Energie entspringt. Die unablässig vorantreibende, immer umfangreichere Prozesse in Gang setzende Bewegung bis hin zu den explosiven Akkordhäufungen der Schlusstakte wird zum eigentlichen Thema des Werks. Eine echte Belohnung. Jörg Königsdorf

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ARCHITEKTUR

Maßgeschneidert

für Großstädter

Transparent und großzügig, so präsentiert sich die Architektur des Berliner Büros von Armand Grüntuch und Almut Ernst. Mit ihren Bauten am Hackeschen Markt und am Monbijouplatz haben die beiden zu Recht für Furore gesorgt. Hier beweisen sie, dass sich auch gläsern-moderne Bauten stadtverträglich in den historischen Kontext einfügen können. Eine von Kristin Feireiss herausgegebene Monographie bietet nun unter dem Titel „Points of access“ (Prestel Verlag, München, dt./engl., 59 €) einen reich illustrierten Überblick über die Arbeiten des Duos und macht mit dem Geist ihrer Architektur vertraut, die sie als „Maßanfertigung für Ort, Zeit und Funktion“ definieren. Ergänzt wird der Band durch Gespräche der beiden mit Yona Friedman und Frei Otto.

Gerade in der Zusammenschau von verwirklichten und Entwurf gebliebenen Arbeiten wird deutlich, dass sich Grüntuch und Ernst keineswegs in kühlem Metall-Glas-Dualismus erschöpfen. Vielmehr entwickeln sie eine spezifische organische Qualität. Mit ihren schwimmenden Einfamilienhäusern, den Floating homes, sind sie derzeit in diversen Zeitschriften präsent. Jürgen Tietz

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