Kultur : KURZ & KRITISCH

Rüdiger Schaper

THEATER

Die Tragödie der

Schachfiguren

Melodram im Zweiten Weltkrieg. Ungarische Soldaten auf dem Weg an die Front, deutsche Besatzer, schöne Frauen, Morphiumsüchtige – und ein Jude, dessen Inkognito aufzufliegen droht. Schwerer Stoff, schlimme Schicksale. Doch die Béla Pinter Company und das Ungarische Nationaltheater Budapest erzählen die Geschichte(n) mit der Grazie einer Spieluhr. „Zerkratztes Zelluloid“ ist ein (2003 uraufgeführtes) Musiktheater von Benedek Darvas und Béla Pinter, der selbst als deutscher Generalpopanz von Ziege auf der abstrakt gehaltenen Bühne steht.

Ungarische Woche bei der Spielzeit Europa im Haus der Berliner Festspiele. Für die neue Reihe hat man eine Tribüne in den Zuschauerraum eingebaut; ein völlig neues Raumgefühl für die nur noch gut 600 Zuschauer. So wird das Haus voll, und man kann kleinformatigere Produktionen zeigen, wie sie im internationalen Festivalbetrieb beinahe schon Standard sind. Am kommenden Wochenende (26. und 27. November, 19 Uhr) gastiert das Theater Kaposvár mit dem Stück „Nur ein Nagel“. Beide Produktionen sind zum ersten Mal außerhalb Ungarns zu sehen.

Zurück zum ungarischen Pinter. Wie Schachfiguren schiebt er seine Schauspieler/Sänger, immer parallel zur Rampe. Das hat etwas Rituell-Japanisches. Und auch etwas Absurdes. Auf der Hinterbühne versteckt sich das achtköpfige Orchester; den Dirigenten Pál Bencsik sieht man zu Anfang und am Schluss als Schattenriss, mit Soldatenkäppi. Ungarische Folklore in ironischen Arrangements: ein anderthalbstündiger, charmanter Abend, der durch seine Freiheit im Umgang mit der Geschichte auffällt. Es regiert spielerischer Ernst, mit Zügen von Büchner’scher Fatalität.

KABARETT

Die Talente

der Politiker

Gerade hat er den Leipziger Lachmesse- Preis entgegengenommen. Dass Reiner Kröhnert , Deutschlands begnadetster Politiker-Parodist, die Auszeichnung verdient hat, beweist er mit seinem neuen Solo-Programm „Angie goes Hollywood“ im Tränenpalast (bis 13. März 2005, Mittwoch bis Sonnabend 20 Uhr, So 18 Uhr). Darin streitet sich die Polit-Prominenz um die Hauptrolle in einem Film über den Untergang des Abendlandes. Kröhnert, der zu dieser Schwätzparade nicht weniger als achtzehn Charaktere interpretiert, ist nicht nur ein Meister des geschliffenen Wortes, sondern beherrscht die Imitation bis ins kleinste gestisch-mimische Detail. Zwar holt er großenteils seine alten Paradefiguren aus der Versenkung: Urgestein wie Norbert Blüm, Otto Graf Lambsdorff oder auch Talkmeister Erich Böhme. Doch sind die Neuzugänge umso erfrischender: der martialische „Strucki“, Müntefering als hölzerne Marionette, ein stockender Stoiber und – vom Publikum zu Recht gefeiert – Michel Friedman als aalglatter Schauspieler-Coach.

Ob Angela Merkel die ihr vom schwer eitlen Regisseur Werner Herzog zugesagte Hauptrolle tatsächlich verdient? Für Kanzler Schröder ist sie hier nur eine „Drag-Queen der erotischen C-Klasse“. Und ein Regieassistent namens Klaus Kinski bezeichnet ihre Performance schlicht und eklig als „destillierten Hurenharn“. Allerdings erweisen sich auch die anderen Politiker als arge Knatterchargen. Sie sind Darsteller ihrer eigenen ungebrochenen Unfähigkeit. Reiner Kröhnert bringt die multiplen Seelen aus seiner Brust glanzvoll auf die Bretter – mit seinem Hang zum skurrilen, hyperbolischen Overkill. Roman Rhode

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