Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Stark

POP

Das Zischeln

der Kehle

Ein komischer Kauz, dieser Al Jarreau . 64-jährig tapst und albert der Vokalspaßvogel da auf der Bühne der Philharmonie herum, lässt die Hüften kreisen und wirft Grammy-gekrönte Töne von oben nach unten und von rechts nach links. Saxophonartige Phrasen verstärkt er durch Bewegungen, die ein imaginäres Instrument vermuten lassen – wie vor Jahrzehnten Jon Hendricks und Dave Lambert. Tiefste Basslinien, höchste Flageolett-Gesänge, rhythmisches Zischen von Hi-Hat-Patterns duellieren, bis – und da liegt das Problem – ja, bis man sich spätestens ab der Hälfte des Programms einen „normalen“ Gesang herbeiwünscht. Der Zuschauer bekommt wie immer eine rekordverdächtige Anzahl von Tönen und perkussiven Effekten pro Minute. Dafür, klar, ist Al Jarreau bekannt, wird er von seinen Anhängern verehrt. Die sechsköpfige Band liefert den passenden Hintergrund für den Funk-Pop-Jazz-Balladen-Latin-Mix: Sie bringen „Route 66“ ganz a capella und das obligatorische „Take Five“ in Jeder-Darf-Mal-Manier. Wir, die Hörer, „Eleminate the negative" und „accentuate the positive“ (neuester Album-Titel), ganz wie es der Entertainer wünscht. Er entintellektualisiert im Gegenzug den Jazz und macht ihn tanzbar. Wo auf der CD dem Pop-Tagessound zuliebe Improvisation und Spontaneität in den Hintergrund treten, findet man sich auf der Bühne in immer neuen Klangfarben wieder. Manchmal etwas zu viel des Guten.

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THEATER

Trümmer einer

geträumten Biografie

Es ist nicht sicher, ob es dieses Leben überhaupt gibt – oder gegeben hat. Viele wollen die junge Frau namens Anne gekannt haben, und doch gibt es keine gesicherten Erinnerungen. Eine Terroristin scheint Anne (gewesen) zu sein, aber auch eine Mutter mit Kindern. Sie nimmt Träume, Visionen, Ängste stellvertretend für andere auf, steht für alles, was in dieser zerrissenen Zeit gedacht und getan werden könnte.Aber sie bleibt ungreifbar, körperlos. Im Berliner Studiotheater bat nimmt Gergana Dimitrova, Regiestudentin im 4. Studienjahr, mit einem multinationalen Ensemble die Suche nach der jungen Frau auf und verwendet dazu Bruchstücke eines dramatischen Textes von Martin Crimp, „Angriffe auf Anne“ . Die Regisseurin hat sich mit ihrer einstündigen Inszenierung viel vorgenommen – sie nennt die Arbeit „einen Soundtrack von einem Film,, den wir nicht sehen“. Junge Schauspieler aus fünf Nationen spielen bemerkenswert gelöst auf einer von Plastikbahnen umhüllten Spielfläche, einem virtuellen Ort zauberischer Geheimnisse und Lichteffekte (Bühnenbild und Kostüme Florent Martin). Musik und Projektionen entstehen aus dem improvisierten, lockeren Spiel heraus. Vielleicht darf man die Frage, warum nach Anne gesucht wird, gar nicht stellen. Das formal hoch Ambitionierte bestimmt den kurzen Abend sehr eigensinnig, eine merkwürdige Leere kann damit aber nicht überdeckt werden (25. bis 27. November, 20 Uhr). Christoph Funke

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POP

Traurige Songs

für kalte Tage

Wenn der erste Schneeregen fällt und ein kalter Wind um die Ecken heult, möchte man sich am liebsten zu Hause unter einer Decke verkriechen. Doch dann kommt ein Typ in die Stadt, der die innere Zentralheizung auf Touren bringt: Ben Weaver , ein 25-jähriger Songwriter aus Minnesota, der von den dunklen Rändern der amerikanischen Gesellschaft erzählt und zugleich deren mythischen Wurzeln verpflichtet bleibt. Sein viertes Album „Stories Under Nails“ (Fargo) überzeugt mit einer feinfühligen, richtig altmeisterlich gebauten Musik, die zwischen Swamp Blues und Country-Knarz angelegt ist. Beim Auftritt im Berliner Magnet kommt er mit Vollbart auf die Bühne. Begleitet von einem Schlagzeuger und einem Slide-Gitarristen kommen die Songs nun etwas rockiger. Immer einfach die Melodien, immer die Handlung der Lieder transzendierend, abstrakt genug, um allgemein gültige Geschichten zu erzählen von meist tiefschwarzer Nacht: „You can hold a match to my love and it will always burn“, singt Weaver in „Voice in the Wilderness“ mit einer Stimme, die sich nicht wie 25 anhört, sondern eher wie 52: dunkel und tief, fest und stark . „Wherever you are/This song is for you“, brummt er zur akustischen Gitarre, verbindet dramatische Pein mit verzweifelter Anmut. Dann greift er zum Klapper-Banjo, schaukelt mit seinen Kumpels durch den spukhaften Talking Blues „John Martin“, bis er wieder allein dasteht und mit „Two Girls“ von Townes Van Zandt seine Wurzeln freilegt. Ein Tip für diejenigen, die sich nicht zwischen Bob Dylan und Tom Waits entscheiden können. Volker Lüke

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