Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

FOTOGRAFIE

Schönster

Bilderschmäh

„Wie schön wäre Wien ohne Wiener?“, fragte Georg Kreisler. Schade drum wär´s, möchte man antworten, denn die Bilder von Wienern im Martin-Gropius-Bau blieben dann menschenleer. Im Geiste Johann Nepomuk Nestroys, eines anderen Donau-Denunzianten, präsentiert die Ausstellung im Rahmen des Monats der Fotografie zwanzig Wien-skeptische Fotografen. In den Nebenräumen lässt sichunter dem Titel Paris + Klein studieren, welches Verhältnis wiederum William Klein zu den Parisern hatte (beide Ausstellungen bis 5.Dezember, Niederkirchnerstr. 7, Mi.–Mo. 10–20 Uhr). Ein höchst emphatisches, wie sich im Vergleich zu den Wienern erweist. Ein Debütantinnenball im Luxushotel (2001), die Trauerfeier für einen Kommunistenführer (1964) – die Großaufnahmen in mittelprächtiger Schwarzweiß- und knalliger Farbqualität präsentieren Klein vor allem als Dokumentaristen. Seine Großstadtfotos der Fünfziger fehlen allerdings. Was danach kam, wirkt heute,als hätte sich Klein allzu sorglos ins Pariser Getümmel gestürzt.

Die Wien-Portraits nebenan bleiben dagegen distanziert. Witzig, ironisch, gar ein bissel bös´. Künstlerische Haltungen werden spürbar, gerade weil Luft zwischen Kamera und Objekt bleibt. Dazu trägt die ästhetische Qualität der schwarzweißen Kleinformate bei: Ob Erich Lessings melancholisches Nachkriegswien, Franz Hubmanns komische Straßenszenen der Sechziger, Didi Sattmanns sympathisch-ironische FKK-Studien der Achtzigerjahre – zu sehen sind unendliche Zwischenstufen von kontrastreich bis verhangen-diffus. So schön ist Wien in Grau.

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KLASSIK (1)

Herbe

Nachromantik

Originell klingt aus einer kleinen Ouvertüre von Fanny Hensel nach, was die Aufführung der Bachschen Matthäuspassion unter Leitung ihres Bruders Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 für die empfänglichen Herzen bedeutet hat. In der alten Singakademie, dem Ort jenes Erlebnisses, der heute dem Gorki Theater gehört, wird nun Fannys Stück im erworbenen Bach-Ton gespielt, und das Konzert der Kaliningrader Sinfoniker ist ein Beitrag zu den facettenreichen Jüdischen Kulturtagen, die in diesem Jahr (noch bis zur „Langen Nacht“ am 29. November im Tipi) den Mendelssohns gewidmet sind. So hat Cécile Lowenthal-Hensel bedeutendes Material über den Ehemann Fanny Mendelssohns, Wilhelm Hensel, und dessen Verhältnis zum Jahr 1848 ausgebreitet.

Die Kaliningrader Gäste entdecken Arnold Mendelssohn (1855 – 1933), den dritten Komponisten aus der Familie. Befreundet mit dem Thomaskantor Karl Straube und Mitglied der Berliner Akademie der Künste, hat dieser Mendelssohn zur Erneuerung der evangelischen Kirchenmusik beigetragen, ein Anreger für Distler und Pepping. Von den drei Sinfonien, die er im Manuskript hinterließ, dirigiert der Spezialist Jürgen Böhme nach Herstellung der Stimmen nun die zweite: Eine herbe Nachromantik, die Selbstbewusstsein verströmt, auch wo sich Entwicklungen erschöpfen. Wie eine Aura spannt sich Virtuosenkunst über das Violinkonzert Arnold Mendelssohns (Solist: Alexander Andrejew). Die Entdeckung: Ohne thematisch spezifisch zu sein, ist es zwischen Pathos und Spiel eine Musik mit stolzem Ausdruck. Sybill mahlke

KLASSIK (2)

Feinste

Delikatesse

Als musikalischer Botschafter der osteuropäischen Avantgarde erwarb David Geringas Renommee, doch zur Nachfeier der EU-Mitgliedschaft schickt Litauen seinen Nationalpreisträger mit „Beethoven Plus...“ in den Kammermusiksaal ( zweites Konzert am 27.12. ). Zusammen mit dem Pianisten Ian Fountain macht Geringas Beethoven zum Erlebnis. Das ist zunächst einmal technischer Natur – die Präzision, mit der sich hier die Partner quasi gegenseitig das Wort aus dem Munde nehmen, sucht ihresgleichen. Geringas’ Ton ist schmal und biegsam, zart und zäh - was stellenweise kraftvolle Intensität, sprechenden Schmelz umso mehr hervortreten lässt.

Wie die Musiker bei Beethoven zukunftsgerichtete Struktur in Ausdruck verwandeln, so überwältigen sie in Rachmaninows nostalgischer e-moll-Sonate durch Klangdelikatesse. Anders ist dem Werk auch gar nicht beizukommen. Doch wie schön sich Herz auf Schmerz reimt, wie raffiniert man aus nichts etwas machen kann, das hat auf diesem musikalischen Gipfeltreffen ebenfalls seinen sehr zirzensischen Reiz. Isabel Herzfeld

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REVUE

Fauler

WInterzauber

Jede Produktion ist bei uns eine Uraufführung! Darauf sind die Künstler vom Friedrichstadtpalast besonders stolz. Wenn es um die harte Arbeit geht, die sie in jede neue Revue stecken, verstehen sie keinen Spaß. Die fixe Idee, den Unterhaltungsabend nicht immer nach demselben Muster aufzubauen, kann aber auch ganz schön nach hinten losgehen. Wie zum Beispiel bei der aktuellen Weihnachtsrevue Jingle Bells . Wenn die berühmte Girl-Reihe vorm Halbfinale gar nicht antritt und ihr Auftritt im zweiten Teil nicht den Höhepunkt bildet, hängt der Spannungsbogen durch.

April Hailer führt als fiktive Operndiva Lucrezia Spazzacamino durchs Programm: Auf Deutsch bedeutet ihr Name „Schornsteinfeger“ und die Witze, die Jürgen Nass und Roland Welke ihr in den Mund gelegt haben, sind in der Tat ziemlich staubig. Modern will man sein, doch schon die Musikantenstadl-Parodie geht voll daneben. Da ist der Glamour, den man hier erwarten darf, bald perdu – dagegen können selbst die atemberaubenden Akrobaten und technisch tadellosen Tänzer nichts ausrichten. Es wird zu viel Belangloses geredet, mäßig gesungen, müde musiziert. Rückstandsfrei ist zudem jeder Bezug auf den christlichen Ursprung des Christfestes gelöscht. Das erinnert an DDR-Doktrin und klingt im Jahr 15 nach dem Mauerfall dann so: „Ist Santa Claus eigentlich verheiratet? Vielleicht mit Santa Maria? Oder etwa doch mit Senta Berger?“ Frederik Hanssen

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