Kultur : KURZ & KRITISCH

Anne Mareile Moschinski

THEATER

Herrin

im Schnee

Wo einst Parteiprogramme gepredigt wurden, regiert heute die Kunst. Die Berliner Theatergruppe „Hamletbüro Zwei“ hatte sich den Palast der Republik nicht ohne Grund ausgesucht. Schillers historisches Trauerspiel Maria Stuart (bis 29.11, 19.30 Uhr, 27.11, 16 Uhr) soll hier mit kritischen Bezügen zur deutschen Geschichte auf die Bühne gebracht werden. So hat es sich Regisseurin Katrin Hentschel auf die Fahnen geschrieben.

Doch das Spiel mit der Palast-Historie gerät bei Hentschel schnell unter die Räder. Die inszenatorischen Einfälle beschränken sich darauf, das Geschehen auf unterschiedliche räumliche Ebenen zu verlagern. So klagt Schottlands unglückliche Königin Maria Stuart (Teresa Harder) den ganzen ersten Akt über auf einem verspiegelten Podest im Erdgeschoss der Palast-Ruine über ihre Gefangenschaft durch Englands Königin Elisabeth (Cornelia Schmaus) – trotz Mikrofon skandiert sie Schillers Verse in die unerbittliche Akustik des Palast-Foyers. Der Rest des intriganten Trauerspiels versumpft im ersten Obergeschoss des entkernten DDR-Gebäudes. Ohne Emotion und individuellen Ausdruck kommen den Darstellern die Worte über die Lippen, keine Figur gewinnt an Kontur. Am Schluss lässt Hentschel Kunstschnee von der Decke fallen: ein gelungenes Symbol für den sich anbahnenden Wahnsinn Elisabeths. Doch sollte das der erste und letzte Lichtblick dieses Abends bleiben.

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AUSSTELLUNG

Ketten

und Karneval

Die Schrecksekunde kommt etwa nach der Hälfte der Ausstellung: Ein wenig fußlahm schon entdeckt man eine Bank, will sich setzen – und zuckt zurück beim Anblick des Schildes über der Lehne: „Nur für Weiße“. Das Schild hängt nicht als Schocker in der Ausstellung Namibia – Deutschland, Eine geteilte Geschichte im Pei-Bau des DHM (bis 13. März 2005, täglich 10 bis 18 Uhr). Es ist ein Dokument, stärker als große Statistiken über die Opfer der Apartheid, unter der auch Namibia über ein Jahrhundert litt.

Die Ausstellung beginnt mit der Ankunft der ersten deutschen Missionare in Südwest-Afrika und erzählt die Geschichte Namibias bis heute. Sie will sich vor allem an junge Besucher wenden – und widersteht dank ihres Reichtums an Exponaten jeder Versuchung, den Zeigefinger zu erheben: Eine Vitrine mit einer Peitsche und den Ketten, in denen die Herero liegen mussten, sagt mehr als manche Abhandlung darüber, was die Deutschen vor hundert Jahren angerichtet haben. Natürlich fehlt der Genozid nicht. Aber er erschlägt nicht den großen Rest dessen, was in 150 Jahren gemeinsamer Geschichte noch war und ist.

So bleibt Platz für eine Billardkugel aus Elfenbein, ein Döschen aus Schildkrötenpanzer und einen Teodolithen, mit dem die Kolonisatoren das Land vermaßen. Die deutschen Karnevalsvereine, die von den neueren Fotos lachen, erscheinen an einem Ort wie dem DHM überraschend profan – aber genau sie sind das wahre Leben, das anderswo vor lauter Wissenschaft keinen Platz im Museum hat. Man verlässt die Ausstellung mit dem guten Gefühl, ganz ohne Belehrung klüger geworden zu sein. Und mit dem Wunsch, in der nächsten Buchhandlung einen Reiseführer über Namibia zu kaufen. Stefan Jacobs

ARCHITEKTUR

Schwung

für Rhododendren

Bewegte Räume, die zu erleben auch für die Nutzer eine bewegende Architekturerfahrung bedeutet, sind das Markenzeichen des Stuttgarter Büros wulf & partner. Erfahrbar wird das nicht nur an der schwungvollen Ausstellungsarchitektur in der Berliner Galerie Aedes East, sondern auch an Hand jener drei Entwürfe, die im Zentrum der Ausstellung „inbewegung“ stehen ( Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40, bis 2. Dezembe r. Katalog 10€ ). Da ist vor allem das 2003 fertig gestellte „adidas factory outlet“ in Herzogenaurach. Seine spannungsvoll geschwungene Formensprache geht mit einer reduzierten Materialverwendung aus Glas und Beton einher, die dem Outlet eine ebenso prägnante wie unaufgeregte Note verleihen. Seit diesem Jahr im Bau ist die neue Landesmesse Baden-Württemberg. Ihre ebenfalls schwungvollen Dachformen sollen künftig einen durchgrünten Gegenpol zum angrenzenden Flughafen bilden. Lediglich Entwurf bleibt dagegen leider das organhaft wirkende Bremer „Rhodarium“, ein Gewächshausensemble für Rhododendren – High-Tech Glas und Stahl. Jürgen Tietz

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KUNST

Hure

oder Heilige

Maria sitzt zwischen den Stühlen. Sie ist reine Jungfrau und Mutter Gottes. Sie zertrat den Kopf der Schlange und ist gleichzeitig das alter ego Evas, die mit dem Apfelbiss die Schuld auf sich lud. Maria, Mirjam, Marjam heißt eine Veranstaltungsreihe der Staatlichen Museen zu Berlin, die der Dialektik zwischen dem „Heiligen“ und dem „Weiblichen“ auf die Spur zu kommen versucht (Altes Museum, nächster Termin 11.12.) Wollen wir nicht alle wissen, welches Erbe Maria den Frauen hinterlassen hat? Sind wir nun Heilige oder Huren? An der Antwort versuchte sich bereits die Literaturwissenschaftlerin Rita Bischof beim Symposium im Foyer der Gemäldegalerie , indem sie herausarbeitete, wie Frauen bereits von den Männern der archaischen Gesellschaften aus dem Sakralen verdrängt wurden. In die Gegenwart drängte derweil Babygeschrei. Die genervten Blicke einiger Zuhörerinnen signalisierten: „Ruhe! Ich bin hier keine Mutter."

Zwiespältiges spricht auch aus den Fotografien von Simone Kornfeld , die ebenfalls in der Gemäldegalerie zu sehen sind (bis 9. Januar). Die Berliner Fotografin porträtierte zwölf Frauen als Marienfiguren in grellbunten Farbräumen. Eine trägt Boxhandschuhe und sitzt im Rollstuhl, eine andere hält ein Gehirn in den Händen, die nächste trägt ein Baby und eine Kalaschnikow. Frauen wildern da in männlichen Terrains und sehen trotzdem sexy aus – und heilig. Keine neue Idee, eher „Madonna mal anders“. Es ist eben nicht leicht, moderne Heiligenbildchen zu entwerfen. Birgit Rieger

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