Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

AUSSTELLUNG

Gesichtsgebirge

aus Vulkangestein

Das Büttenpapier wird zum Acker umgepflügt. Wo sich der Zeichenstift des göttlichen Horst Janssen (1929-1995) eingegraben hat, wächst kein Halm. Nehmen wir das Pastell „Ackerland“ von 1993: Der Jähzornige hatte das Blatt offenbar schon in Fetzen gerissen, wieder zusammengepuzzelt und als blaugraues Traueridyll vollendet. Überhaupt wird alles Landschaft. „Als wenn es eine Landschaft wäre“ (1978) , betitelte Janssen selbst eine seiner schmerzhaft verrenkten Kopulationsszenen. Schön heftig: Über hundert Arbeiten sind im Käthe- Kollwitz-Museum zu sehen, nur der Titel klingt bieder: „Die Kunst der Zeichnung“ (Fasanenstraße 24, bis 17. Januar, Mi-Mo 11-18 Uhr, Katalog 20 Euro). Die durchweg farbig überarbeiteten Werke stammen aus der Sammlung Stephan Blessin. Der Janssen-Biograf und späte Freund des Künstlers sammelt mit Sinn für das Herausragende. Neben dem eruptiven Spätwerk von Janssen findet sich auch überraschend Haarfeines aus den Sechzigern. Auch die vielen Hommagen an Größen der Kunst- und Geistesgeschichte, ob Dürer und Constable, Lichtenberg und Goethe, lassen die Ausstellung zum idealen Querschnitt durch Janssensche Lebens- und Seelenlandschaften geraten. Da wird viel vom Tod erzählt. Verwesungsduft steigt aus der gammelnden Schönheit der Blumenmotive auf. Und die hochkomischen Totentänze sehen manchmal aus wie Skelett-Judo. Und auf ätzend-ironischen Selbstbildnissen starrt uns ein Gesichtsgebirge wie aus Vulkangestein entgegen.

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KLASSIK

Abschwung

aus dem Hochgebirge

Auch am neuen Spielort, dem kleinen Saal im Konzerthaus , erobert „Spectrum Concerts“ auf Anhieb sein Publikum, und das mit einem keineswegs eingängigen Programm. Mit der Geigerin Janine Jansen wird allerdings auch ein „Zugpferd“ ins Rennen geschickt, das einmal mehr durch intensives und seelenvolles Spiel für sich einnimmt. Die Sonate für Violine und Klavier von Leos Janácek gerät ihr zunächst mehr zur hochfahrenden Attitüde als zum ganz überzeugenden Ausdruck, vielleicht weil die dynamische Balance mit Klavierpartnerin Kathryn Stott hier noch problematisch ist. Jansens hochdifferenzierter Klangpalette passt sich die Pianistin in Sergej Prokofjews f-moll-Sonate zunehmend an – gerade dieses am Vorabend des Zweiten Weltkriegs entstandene Werk zieht durch fast surreal anmutende Stimmungen und zu wilden Ausbrüchen gesteigerte dunkle Ahnungen in den Bann. Messiaens „Thème et Variation" (1932) führt vom Dunkel in hellstes Licht, das Geige und Klavier in irisierenden Klangverschmelzungen aus dem Diskant förmlich herauszuhämmern scheinen. In den Schlüssen dieser Werke – allesamt Abschwünge aus hochgespannten Klanggefilden in fragile Nachdenklichkeit – überzeugen die Musikerinnen besonders. Isabel Herzfeld

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