Kultur : KURZ & KRITISCH

Christina Tilmann

KUNST

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im Kiez

Das Tacheles ist totsaniert. Das WMF am Hackeschen Markt abgerissen. Die Galerie Alt Berlin in Wedding geschlossen. Die besetzten Häuser K77 in der Kastanienallee und KuLe in der Auguststraße besitzen längst reguläre Pachtverträge. Um das Haus Schwarzenberg wird noch prozessiert. Und die Kunst-Werke sind zum edlen Museumsraum geworden.

Heute und zehn Jahre davor heißt eine Ausstellung, die ab heute in den Kunst-Werken zu sehen ist (Auguststr. 69, bis 9. Januar, Katalog Revolver-Verlag, 19 Euro). 1992 hatten sich die Künstler Josef Strau und Stephan Dillemuth nach New York aufgemacht. Ihre These: Stadtviertel werden durch Kunstaktionen aufgewertet, bis die Szene weiterzieht und der Kommerz Einzug hält. In New York verlief der Prozess vom East Village über Chelsea bis heute nach Williamsburg. Und alles, was bleibt, ist eine noch nicht kunsthistorisch aufgearbeitete Epoche, über die die Beteiligten selbst ungern sprechen. Fotos, Videos, Plakate und Handzettel künden in der Ausstellung davon: Archäologie der Gegenwart.

Das gilt auch für Berlin, dachte sich Kurator Axel John Wieder, und fügte für die Kunst-Werke einen aktuellen Teil an: Berlin-Mitte heute und zehn Jahre davor. Doch auch hier erzählt wenig von den Zeiten, als Künstler und Galeristen nach der Wende die Stadt neu eroberten. John Miller hat nach den Anfang der Neunziger omnipräsenten Metallskulpturen gesucht und nur noch wenige gefunden. Die Künstler, die er befragte, steuern lieber aktuelle Arbeiten bei. Und Stadtguerilla-Aktionen wie die Architektenvereinigung „Freies Fach“ oder das Projekt „Dromomania“ von „Botschaft e.V.“ überleben nur in kargen Projektbeschreibungen. Vergangenes bleibt vergangen, lautet das melancholische Fazit. Die Geschichte der wilden Jahre nach der Wende ist noch nicht erzählt.

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BALLETT

Tanz auf

dem Eis

Berlin im Tanztaumel! Nach dem Kirov-Ballett nun das Ballet de l’Opéra de Lyon . Beim Gastspiel der französischen Truppe im HAU 1 gingen einem die Augen auf (bis 28.11.). Eine klassische Compagnie, die sich dem zeitgenössischen Tanz verschrieben hat: Bei den Franzosen ist das eine hinreißende Liebesbeziehung. Mit klug zusammengestelltem Programm und superben Tänzern begeisterte das Ensemble: Das gilt besonders für „slide“ von Mathilde Monnier, der Traum von einem weißen Ballett, einer Malerei aus Bewegung, hintersinnig und federleicht. Weiß gekleidete Tänzer gleiten, schlittern, wischen über den weißen Boden. Das erinnert an glattes Eis und ist zugleich spiegelnde Fläche aber auch Leinwand: Videoprojektionen zeigen die Tänzer nun in Farbe, aus einer ungewohnten Perspektive. „duo“ von William Forsythe ist ein Stück für zwei Tänzerinnen, die sich mit der Präzision eines Uhrwerks bewegen – bis die formale Bändigung ins Expressive kippt, die Frauen von einer mäandernden Bewegung fortgerissen werden und die Zeitwahrnehmung sich ins Ekstatische verschiebt. Russell Maliphant demonstriert in „twelvetwentyone“ wieder seinen mitreißenden Flow. Die körperliche Energie verströmt sich im Raum und versetzt am Ende auch die Zuschauer in einen hellwachen Taumel. Sandra Luzina

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MUSIK

Klang aus

dem Kopf

Neue Musik kann wunderbar altmodisch sein. In Frank Michael Beyers Trio für Oboe, Viola und Harfe formen sich die Klänge aus sorgsam herangezüchteten Klangzellen. Demonstrativ verzichtet er darauf, die Hörer mit neuen Spieltechniken und Geräuschen zu bombardieren. Diese Atmosphäre sorgsamer Nachdenklichkeit setzt sich auch in der Gesprächsrunde fort, für die Beyers Musik an diesem Abend in der Akademie der Künste nur den Rahmen abgibt. „Musik und Weltbild“ heißt das Thema, das der Komponist mit dem Philosophen Wolfgang Welsch einzufangen versucht. Friedrich Dieckmann braucht gar nicht zu moderieren, denn die moderate Grundstimmung des Abends erfordert das nicht. Welsch, dessen Publikationen um ästhetisches Denken und Fragen kulturellen Selbstverständnisses kreisen, erweist sich als überaus musikkundig. Mit Beyer geht er der Frage nach, vor welchem Hintergrund Komponisten musikalische Gedanken entwickeln.

So ergibt sich ein schöner Austausch über Beethovens Weg von der Durchführung zum Thema, Weberns Schritt vom Unbestimmten zum Bestimmten und Cages universeller Musik, in die sich der Mensch erst hineinzufinden habe. Zum Schluss droht Welschs Schilderung des auseinander strebenden Universums dem Abend allerdings doch noch den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Beyer aber gelingt mit dem Hinweis auf handfeste Gewohnheiten von Komponisten eine hübsche Schlussbetrachtung. So habe Wagner, ein Befürworter bürgerlicher Bewaffnung, Handgranaten besessen, Verdi sich gar nach der Möglichkeit erkundigt, Kanonen zu bestellen. Zum Ausklang, wie es sich gehört: ein Nachtstück. Ulrich Pollmann

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