Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Scheuer Künstler,

nobler Ritter

Eigentümlicher Kontrast: Eben noch hatte er das Publikum im ausverkauften Kammermusiksaal nur mit ein, zwei schüchternen Nickern eher zur Kenntnis genommen als tatsächlich begrüßt. Doch kaum sitzt er am Flügel, holt Pjotr Anderszewski die Vorstellung mit größtmöglicher Grandeur nach. Schon mit den ersten klangprächtig auffahrenden Gesten von Bachs Französischer Ouvertüre wird der scheue Künstler zum noblen Rittersmann, zieht ganz in seine romantische Welt von Edelmut, Noblesse und Schönheitssinn herüber. Der 35-jährige Pole hat sich in den letzten Jahren seinen Platz in der Pianistenelite erobert, gilt halb als Exzentriker, halb als Romantiker. Vor allem aber ist Anderszwewski ein Klangalchimist, dem eine schier unerschöpfliche, an die Anschlagskunst eines Rubinstein oder Firkusny erinnernde Palette an Valeurs zu Gebote steht.

Sein Bach-Spiel lebt denn auch weniger von der rhetorischen Zuspitzung polyphoner Struktur, die barocken Miniaturen fungieren eher als Vorzeichnungen, auf die der Künstler seine Farben aufträgt: Die Geziertheit der galanten Figuren wird manchmal geradezu schroff artikuliert, bald in geheimnisvolles Halbdunkel getaucht. Dann wieder findet Anderszewski mit zugleich kernigem und weichen Ton in Bachs Musik einen Gesang von erhabener Schönheit. Der Künstler legt an die Geschichte sein eigenes Maß: Der Weg von Bachs Courante zum Scherzo von Chopins nach der Pause gespielter h-moll-Sonate ist nicht weit. Das gleiche silberne Mondlicht scheint auf Bachs Sarabande und Chopins Largo – und flirrt auch durch Karol Szymanowskis an Skriabin und Debussy erinnernde „Metopen“, delikaten Klangvisionen einer idealen Antike. Ein großer Pianist. Ein großer Musiker.

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ARCHITEKTUR

Stählerne Pfeiler,

gotisches Gewand

Mitte des 19. Jahrhunderts standen Vergangenheit und Zukunft eng beieinander. Das traf besonders für neue Bauaufgaben zu, etwa Eisenbahnbrücken. Zu ihnen zählt die alte Weichselbrücke in Dirschau, deren wechselhafte Geschichte eine Ausstellung der TU Kaiserslautern und der Bundesingenieurkammer vorstellt (Kronprinzenpalais, bis 8. Dezember, Katalog 29,50 €). Zwischen 1850/57 als Teil der Königlich Preußischen Ostbahn nach Entwürfen des Ingenieurs Carl Lentze ausgeführt, nahm der Bau das damals hochmoderne System der „Britannia-Röhrenbrücke“ auf. Dazu wurden zwischen den sechs Brückenpfeilern jeweils 130 Meter lange kastenförmige Röhren aus Gitterträgerwänden errichtet. Den Brückenpfeilern verlieh Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler ein gotisierendes Gewand im Stil der nahen Marienburg, ebenso dem Bahnhof in Dirschau, das seit dem Versailler Vertrag zu Polen gehört.

Umfangreich dokumentieren die 50 Ausstellungstafeln auch die Beschädigungen, welche die Brücke zusammen mit der nur 40 Metern entfernt errichteten zweiten Weichselbrücke (1888/91) während des Zweiten Weltkriegs erfuhr. Heute präsentiert sich die alte Weichselbrücke als Denkmal der Technikgeschichte, das mit seinen Schadensspuren und Reparaturen nicht nur eine ingenieurtechnische Melange bietet, sondern zugleich ein beredtes Zeugnis der deutsch-polnischen Geschichte ablegt. Jürgen Tietz

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